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Stadtverbesserer

Unerträgliche «Begrüsserei» Wer schon einmal eine längere Reise durch Amerika unternommen hat, kennt das Phänomen: Man ist schon zwei oder drei Wochen unterwegs und besucht irgendwo im Nirgendwo, sagen wir im Umland von Jackson (Tennessee), einen Supermarkt. Dort gerät man in ein Gespräch mit Einheimischen, geht die ­üblichen Fragen durch, was man denn hier mache, woher man komme – eine Unterhaltung ­entlang der Länderklischees, ­geführt in der polierten Freundlichkeit des angelsächsischen Small Talks. Und zum Schluss kommt es, wie es kommen muss: Das Gegenüber beendet die Unterhaltung mit einem «Well then, welcome in America» (Also dann, willkommen in Amerika)!

Gegen ein herzliches Willkommen ist an sich nichts einzuwenden. Aber bitteschön, nachdem man schon drei Wochen in einem Land verbracht hat, ist es dafür einfach zu spät! Und das führt uns zu einer wichtigen Erkenntnis: Begrüssungen, Verabschiedungen und Konsorten sind zwar dazu da, Unterhaltungen zu strukturieren und ihnen einen Rahmen zu geben – einen offiziellen, informellen, hierarchischen, freundlich-vertrauten oder beim Apéro allenfalls auch witzig-ironischen. Aber sie sind gerade deshalb keinesfalls beliebig. Es geht um die passende Floskel, den Ton – und ums Timing. Stimmt einer dieser Faktoren nicht, dann heisst es «Will­kommen in der Befremdung».

Und damit sind wir bei der Winterthurer Budgetdebatte. Im politischen Kontext ist die Begrüssung stark ritualisiert. Bevor die Parlamentarier ins Wort­gefecht steigen, holen sie zur umfang­­­reichen Begrüssung der Anwesenden aus: Ratspräsidentin, Stadtrat, Parlaments­kollegen, Presse und Publikum werden in ausgreifenden Floskeln begrüsst, aufgebauscht mit Adjektiven wie «geehrte», «verehrte», «geschätzte» und dergleichen mehr. Es ist ein Akt der Höflichkeit und des Respekts, der aber umso eigenartiger anmutet, je länger der Abend dauert. Wer nach vierstündiger Sitzung mit seinem ersten Votum zu einer 20-Sekunden-Begrüssung ansetzt, der wirkt, als wäre er mit dem Raumschiff soeben im Ratssaal gelandet. Aber das ist verzeihlich.

Unverzeihlich findet der Stadtverbesserer hingegen die Sitte mancher Parlamentarier, auch noch das dritte, vierte, fünfte Votum des Abends mit einer Begrüssung einzu­leiten; selbst wenn es sich dabei nur noch um ein knappes «Gueten Abe» handelt. Mit Verlaub, das ist keine Höflichkeit, das ist eine Tortur, das ist kein Ritual, das ist eine Posse. Und es lässt eigentlich nur noch einen ­Kommentar zu: Willkommen im Gemeinderat! Marc Leutenegger

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