Winterthur

Stahls kleines Gipfeltreffen in Winterthur

Jürg Stahl hat eingeladen, und alle sind sie da: Die Präsidenten der deutschsprachigen Parlamente besuchen während zwei Tagen Winterthur. Auf dem Sulzerareal staunten sie gestern nicht schlecht.

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Der Tross kommt wie aus dem Nichts. Plötzlich halten ein Polizeiauto mit Blaulicht und drei schwarzen Limousinen an der Flanke der Halle 53 auf dem Sulzerareal und schwarz gekleidete Sicherheitsleute mit Knopf im Ohr sichern die Umgebung. «Was ist denn da los?» Die Verwunderung ist den Gästen des Café Portier schräg vis-à-vis anzusehen.

Dann steigt sie aus, Doris Bures, die Präsidentin des Nationalrats der Republik Österreich – herzlich, gut gelaunt. «Wir mussten noch einen Termin für die Neuwahlen ansetzen», sagt sie, als wäre das nicht der Rede wert. In Österreich hat sich gerade erst das Parlament aufgelöst.

Auf Parallelensuche

Bures ist der letzte Staatsgast, der in Winterthur eintrifft. Die anderen, allesamt die jeweils Vorsitzenden der deutschsprachigen Parlamente in Europa, sind seit Freitagnachmittag da. Sie haben schon vor dem Semper-Stadthaus für Fotos posiert und sich dann zurückgezogen, um über den Strukturwandel zu plaudern.

Und hat der Austausch etwas gebracht? Norbert Lammert, CDU-Urgestein, seit zwölf Jahren deutscher Bundestagspräsident, verfällt ins Dozieren. Der Strukturwandel, das müsse zunächst anerkennen, sei nichts Neues. Es gebe ihn spätestens seit der Industrialisierung, die vor 200 Jahren Landwirtschaftsbevölkerung ablöste. Lammert, 68 Jahre alt, ist nicht nur der erfahrenste Politfuchs der Runde, er hat an der Universität Bochum auch Politikwissenschaften gelehrt.

Es gebe viele Parallelen zwischen Bochum und Winterthur, sagt Lammert, während sich die Gruppe am frühen Abend zu einer Erkundung des Sulzerareals aufmacht. Als Lammert in den Fünfzigerjahren eingeschult wurde, arbeiteten noch 560 000 Menschen im Bergbau, erzählt er. «Heute sind es noch 5000, und ab 2018 keine mehr.» Das Ruhrgebiet, zu dem Bochum zählt, habe sich gewandelt. Kohle und Stahl sind Vergangenheit, heute arbeiteten 70 Prozent in Dienstleistungsbranchen.

Auf dem Rundgang wird den Besuchern die Geschichte des Sulzerareals im Zeitraffer nacherzählt. Die Fabrikschliessungen Ende der Achtzigerjahre. Das Gescheiterte Megaprojekt Winti Nova, die etappierte Wiederbelebung.

Der gestaffelte Prozess weckt die Neugier von Mars di Bartolomeo, Präsident der Abgeordnetenkammer des Grossherzogtums Luxenburg, ein launiger Mann mit einem klingenden Namen. In Luxemburg, erzählt er, wurde über das Areal eines stillgelegten Stahlwerks eine Gesamtplanung gemacht. «Wir können die Landesentwicklung nicht einfach den wirtschaftlichen Kräften überlassen», ist er überzeugt. Sogar die Universität des Landes sei zu diesem Zweck in die Peripherie verschoben worden.

Di Bartolomeo gehört der luxemburgischen Sozialistischen Arbeiterpartei an. Die Position, dass der Wandel viel staatliche Steuerung braucht, ist die eines Linken. Regulation oder lais­sez faire – das ist eine Frage der Partei, nicht des Landes.

Trampolinlandschaften

Ins Staunen geraten die Besucher im Skillspark. Der Strukturwandel kann auch Trampolinlandschaften und BMX-Schanzen hervorbringen. «Wie haben Sie das finanziert?», will Lammert von der Geschäftsführerin wissen. «Und gibt es dafür Vorbilder?» Nur in den USA, kriegt er zur Antwort, und Kanton und Stadt hätten ordentlich mitgeholfen.

Eher zurückhaltend tritt Albert Frick auf, Präsident des Landtages des Fürstentums Liechtenstein. Und ebenso Alexander Miesen. 34 Jahre alt ist er erst und war vor ein paar Jahren der jüngste Präsident des Parlaments der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. Der Strukturwandel, sagt er, trage in Belgien zu den politischen Spannungen bei. Den Flamen im Norden sei er geglückt, die Wallonen im Süden hätten zu lange mit Subventionen an Kohle und Stahl festgehalten. Das Wohlstandsgefälle treibt nun einen Keil zwischen die zwei grössten Sprachgruppen.

Und Österreich? Doris Bures ist noch ganz mit den Turbulenzen der letzten Tage beschäftigt. Nein, Sorgen brauche man sich nicht zu machen. Es sei nicht aussergewöhnlich, dass es in Österreich zu vorgezogenen Neuwahlen komme. In der jüngeren Geschichte des Landes war das fast in jeder fünften Legislatur der Fall.

Politik und Schokolade

Jürg Stahl schliesslich siedelt die Industrie- in seiner Lebensgeschichte an, erzählt den Kollegen von der Drogerie seiner Eltern und wie er mit 21 den Niedergang Sulzer als Einschnitt erlebte. Ob dieser Gedankenaustausch etwas bringt? Durchaus, sagt Stahl. Vor allem aber gehe es bei dem Treffen, das erst zum zweiten Mal stattfindet, darum sich näher zu kommen und «Zeit zu schenken».

Winterthur ist also der Schauplatz einer europäischen Beziehungspflege im Schulreisenformat. Am zweiten Tag steht heute die 2.0-Version der Schweizer Schokoladentradition auf dem Programm: Um 11.45 Uhr besuchen die Spitzenpolitiker den Schokoladen-Workshop im Technorama. (Landbote)

Erstellt: 14.07.2017, 21:39 Uhr

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