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Staunende Augen und bange Fragen

Mit «Kuzu» stellt Regisseur Kutlu? Ataman ein leise sozialkritisches Drama um eine Beschneidung in einem (fiktiven) anatolischen Dorf vor.

«Mein Lämmchen» nennt Medine in «Kuzu» («Das Lamm») ihr Söhnchen Mert bisweilen. Man kann es ihr nicht verargen. Denn es steckt in diesem Kosenamen – anders als in unserem Kulturkreis, wo der Begriff «Lamm» zuvorderst ans Fromme gemahnt – alle Zärtlichkeit, Liebe, aber auch Achtung und Wertschätzung, die eine Mutter ihrem Sohn entgegenbringt. In einem (fiktiven) Dorf im Hochland der ostanatolischen Provinz Erzincan spielt Kutlu? Atamans vierter Spielfilm. Hügelig ist die Landschaft, kalt-nass-grau-blau-braun-grün. Im Dorf, wo Mert mit seiner Familie wohnt, liegt Schnee. Weiter oben, wo es felsiger wird, hütet ein Hirt seine Schafe. Am Ufer des Flusses im Tal breiten sich säumige Weidenbäume und stramme Birkenwälder. Spätwinter ist es, eisig gefroren und kalt wohl auch in den lehmverputzten Steinhäusern. Bescheiden ist das Sein, das sich hier pflegt, und Merts Familie die reichste nicht. Doch es steht Grosses an. Mert, fünf, vielleicht sechs, knappe sieben Jahre alt, soll beschnitten werden. Es ist dies für ihn ein wichtiger Tag, ein in Religion und Tradition verwurzelter Schritt im Leben eines muslimischen Knaben. Ebenfalls Tradition ist das zur Feier des Tages von der Familie ausgerichtete Fest, zu dem das ganze Dorf eingeladen wird. Lamm wird dabei traditionell serviert. Gegen die Verhältnisse Doch Lamm ist – und daran entzündet sich die Geschichte von Atamans Film – teuer. Zu teuer, als dass sich Merts Eltern dieses einfach leisten könnten. Sparen und das wenige, das man hat, zusammenkratzen müsste man. Der Mutter (Nesrin Cavadzade) ist dies ein grosses Anliegen. Sie geht mit Mert und seiner Schwester täglich an den Fluss und sammelt Weidenruten, um so etwas Geld zusammenzubringen. Vater Ismail (Cahit Gök) indes pfeift auf gesellschaftliche Verpflichtungen und verjubelt den schmalen Lohn, den er als Hilfsarbeiter in einer Schlachterei erhält, bei einer Freudendame; soll ihm bloss keiner – schon gar nicht seine Frau! – sagen, was er zu tun hat. Das Verhältnis zwischen den Eltern ist also heftig angespannt. «Kuzu» zeigt eine Familie in der ruralen Welt, die am Druck der Gesellschaft, an der wirtschaftlicher Not und den Emotionen der Eltern zu zerbrechen droht. Eine grosse Tristesse ist das. Doch mitten darin befinden sich die Kinder – zum Glück nimmt Ataman zwischendurch deren Sicht ein. Zwar nicht unbekümmert, so doch meist lebensfreudig: Mert (Mert Tastan), der mit staunenden Augen und vielen auch bangen Fragen seinem grossen Tag entgegensieht und zwischendurch loszieht, um auf eigene Faust ein Lamm zu ergattern, und Vicdan (Sila Lara Cantürk), so zärtlich fies, wie nur ältere Schwestern sein können: Wenn die Eltern kein Lamm auftreiben, macht Vicdan Mert weise, werde der Vater ihn den Gästen zum Mahl vorsetzen und ahmt dabei Mutters «mein Lämmchen» nach. Eine grosse Liebe Den Buben verfolgt diese makabre Vorstellung bis weit in seine (Alb-)Träume hinein, und Kutlu? Ataman treibt davon ausgehend mit dem Zuschauer ein schwer sarkastisches Spiel. Es klingt in dieser Vorstellung des Vaters, der seinen Sohn opfert, Biblisches an. Solche Vorstellungen sind in der Welt auch anderswo anzutreffen. Kritisch befragt Kutlu? Ataman in «Kuzu» das Verhalten einer Gesellschaft, deren Mitglieder aus eigener Kraft ihre Werte nicht erhalten können, und schlägt sich dabei auf die Seite der Kinder und der Frau. Es ist ihm dabei ein von grosser Liebe zu seinen Figuren getragenes, vor allem von den Kindern gut gespieltes, atmosphärisch dichtes, bildlich starkes, sanft satirisches Sozialdrama gelungen, das nicht zuletzt dank seinem verblüffenden Ende lange nachhallt.

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