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Stille und beredtes Zeugnis

winterthur. Unter dem Titel «Evidence» erbringt Amar Kanwar im Fotomuseum Winterthur den Beweis, dass sich auch schier Unsagbares sagen lässt. Dass Geschehenes nicht vergangen ist, sondern auch in die Zukunft führt. Und dass es den Mut zur Veränderung braucht.

Ein Liebender, ein grosser Fragender, einer, der die Gemeinschaft sucht; Gemeinschaft mit den verschiedensten Menschen, ihren Fantasien und Träumen; Gemeinschaft gerade auch mit jenen Menschen, die ins Museum kommen und bereit sind, sich mit seinem Werk auseinanderzusetzen. Das ist Amar Kanwar, 1964 in Neu-Delhi geboren, wo er auch lebt und arbeitet, wenn er nicht in seinem riesigen Heimatland Indien und den Nachbarstaaten unterwegs ist oder andernorts Spuren, Leben und Gelebtes sichert, wie etwa bei Exil-Burmesen in den USA. Ein Dokumentarfilmer und Videokünstler ist er, ein politisch engagierter Zeitgenosse, der schon als junger Student durch Ereignisse im eigenen Land geprägt wurde. Gewalt wird und wurde gerechtfertigt: Das gehört zu seinen Erfahrungen, dem stellt er sich als Mensch und Künstler entgegen.

Mit vielen Mitteln, auch mit den Mitteln des Wortes, das als gesprochenes, geschriebenes, ja gesungenes Wort in vielen seiner Videos und Videoinstallationen eine bedeutende Rolle spielt. Amar Kanwar glaubt an das Wort, wie er an die Kraft des Handelns glaubt, die von der Tat eines Einzelnen oder einer Gruppe ausgeht: «The action is the embryo from which the future will arise», hören wir ihn in der ältesten der hier ausgestellten Videoarbeiten sagen («A Season Outside» / Eine Jahreszeit ausserhalb, 1997); sieben sind es insgesamt, die jüngste ist 2010 entstanden, und jede wird in einem Raum für sich gezeigt, sodass sich die unterschiedlichen Arten von Klang und Stille nicht in die Quere kommen. Und alle sind auf je eigene Art sehr komplex, haben ihren je eigenen Rhythmus: Wer sich als Besucher dieser Ausstellung (Experten in Sachen Indien, Burma etc. natürlich ausgeschlossen) nicht genügend Zeit nimmt, bleibt besser zu Hause.

Verstehen und erkennen

Schauen braucht Zeit. Wer alles sehen will, was im Fotomuseum aktuell auf Bildschirme und Wände projiziert wird, braucht viel Zeit – Stunden. Dass es sich lohnt, sich diesem Werk (mit Unterbrechungen freilich) stundenlang auszusetzen, ist wohl nicht nur die Erfahrung der Schreibenden; gerade die Subjektivität, der persönliche Fokus, die besondere Art der Wahrnehmung im Werk von Amar Kanwar machen, dass man «dahinterkommen» möchte. Dann begreift man auch, wie berechtigt und allgemeingültig die auf den ersten Blick banal anmutende Feststellung ist: «Für Kanwar kann der Akt des Schauens zu Verstehen führen und Verstehen schliesslich zu Mitgefühl» (so zu lesen im Betrag von Sandhini Poddar, die sich in ihrem Katalogbeitrag insbesondere mit «The Torn First Pages» / Die herausgerissenen ersten Seiten, 2004–2008, auseinandersetzt).

Der Künstler als Schauender, jeder und jede, die sich mit seinem Werk auseinandersetzen, als Schauende – eine «altmodisch» idealistische Haltung vielleicht, die aber beim schwer dingfest zu machenden Werk von Kanwar durchaus trägt. Dieser Künstler, der sich so sehr dar­um bemüht, «eigentlich nur zu verstehen» (O-Ton Kanwar beim Gang durch die Ausstellung), was in der Gesellschaft, der Politik und all den folgenreichen Konflikten geschieht und geschah, dieser zutiefst poetische Künstler Amar Kanwar glaubt an die Macht des dichterischen Wortes und dass das Wort sich, zum Beispiel, im Bild mitteilen lässt.

Sinn und Raum

Davon ist in den ein- oder mehrteiligen Videoprojektionen der Ausstellung einiges zu erfahren, am unmittelbarsten im längsten der gezeigten Filme, der 77 Minuten dauernden «Night of Prophecy» (Eine Nacht der Prophezeiung, 2002). Für mich ist dieser Film eine dunkel leuchtende Liebeserklärung an den Vielvölkerstaat Indien, mit seinen weit über 100 Sprachen und seinen verschiedenen Religionen. Wir hören und sehen sie, Dichter und Dichterinnen, sind Zuhörer unter Zuhörern, machen uns Bilder von dem, was wir hören, bekommen Bilder zu sehen, die vielleicht «den verborgenen Sinn des Lebens» (Kanwar) erhellen. Verlassene Häuser, Fensterblicke, Gesang, Musik, beschwörende Klänge, Menschen, die unter Brücken leben, der Mann, der auf seinem Boot Feuerlicht durch die Dämmerung fährt – ergreifend schön immer wieder. Immer wieder auch wechselt der Kamerablick, indem er bald auf Nahes, bald auf Fernes fokussiert. Im Wechsel zwischen Deutlichkeit und Undeutlichkeit wird je anderem Raum gegeben.

Das ist es denn auch, was all das Elend und die Gewalt «anschaubar» macht, wie sie sich mit Mord und Totschlag, Unterdrückung und Vergewaltigung, Rache und Rechtlosigkeit, Folter, Pogrom, Vertreibung und Exil nicht nur durch Indiens Geschichte ziehen: dieses Raumgeben, in dem auch der Betrachter mit seinem Wissen, seinen Erfahrungen und seinen Erinnerungen Platz findet; wo sich nichts einfach oder eindeutig auflöst; wo sich Stille ereignen kann und Zeugnis abgelegt wird.

Von den Betrachtern dieser subtilen, berührenden und unter die Haut gehenden Arbeiten ist neben Zeit vor allem eines gefragt: dass sie sich einlassen auf das Nichtverstehen.

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