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Stöhnen zum Gähnen: Fifty Shades of Langeweile

«Fifty Shades of Grey» läuft endlich im Kino. Das könnte richtig aufregend sein. Ist es aber nicht. Auch wenn viel Haut gezeigt wird.

The sexy Thing in diesem Film? Christian Greys (Jamie Dornan) silberne Krawatte. Und das wars dann auch schon. «Fifty Shades of Grey» ist ein seltsam prüder Film. Dabei hat E. L. James’ Trilogie um die 21-jährige Studentin Anastasia Steele, die sich vom milliardenschweren Christian Grey angezogen fühlt, viel Potenzial. Die Romane verdanken ihren Erfolg schliesslich der expliziten Beschreibung von Fesselspielen, Lustschmerzen und Spiel- und Folterkammer.

Natürlich sind auch Anastasia Steeles (Dakota Johnson) Brüste sexy, sie sind sehr oft zu sehen. Das waren sie schon in der Boulevardpresse, weil Johnson in Italien beim Nacktbaden fotografiert worden war. Das einzig Aufregende daran: Die Brüste scheinen echt zu sein. Eine Seltenheit im silikonverstopften Hollywood. Und vom nackten Jamie Dornan sieht frau nicht viel. Ab und an darf sie zuschauen, wie er sein Hemd auszieht und ein gut gebauter Oberkörper zum Vorschein kommt. Eine Einstellung zeigt ihn in der Missionarsstellung, und man hört ihn eine Kondompackung aufreissen. Aber Jamie Dornan hat dafür gesorgt, dass das alles ist: Eine Klausel im Vertrag verhindert, dass sein Penis je zu sehen ist. Er habe die Zuschauer nicht anwidern wollen, sagte der Nordire. Die harte Lust, eigentlich Christian Greys ständiger Begleiter, ist also einzig an seinen Augen abzulesen. Seinen faszinierend graublauen Augen, das muss hier erwähnt werden.

College-Romanze

Überhaupt scheint über dem Film ein Weichzeichner zu liegen. Es ist, als ob der Kameramann die Linse vorher mit Vaseline beschmiert hätte. Das passt zum Valentinstag, aber nicht unbedingt zur Romanvorlage. Die war ja auch nicht brutal, aber härter und mit erträglichem Soft-Sadomaso-Geplänkel, bei dem es einen ab und an ein wenig schauderte. Daraus hätte Regisseurin Sam Taylor-Johnson einen netten Softporno drehen können. Ein leidenschaftliches Nachhilfestück für sexmüde Paare. Oder eine rauschende Fahrt in einen erotischen rosa Himmel. Doch «Fifty Shades of Grey» ist eine langweilige College-Romanze. Und angesichts der vielen expliziten Szenen im Buch ziemlich brav. «Geheimes Verlangen» dauert über zwei Stunden und löst bald ein Verlangen nach Schlaf aus.

Auch wenn viele Kleider auf den Boden fallen und Jamie Dornans Zunge (nicht sichtbar) ziemlich oft an Dakota Johnsons (oder ihres Doubles) Bauch, Hals, Mund klebt. Doch Ähnliches ist mitunter in jedem besseren Liebesfilm zu sehen. Hier wäre mehr dringelegen. Nicht nackte Haut. Aber mehr Dreck. Oder wie es Christian Grey ausdrücken würde: «Ich mache keine Liebe, ich ficke.» Dieser hehre Gedanke bleibt Theorie, an seine Stelle tritt Blümchensex, der musikalisch hübsch untermalt wird. Natürlich ist es schwierig, aus einer lahmen Geschichte einen Brüller zu machen. Am Anfang scheint es zu gelingen, die ersten fünf Minuten sind eine Aneinanderreihung von Klischees (es regnet, Grey trägt Anzug, Anastasia ein Studentinnenkleidli, das Büro allein gibt ungefähr zehn Schattierungen von Grau wieder). Man denkt noch: Super, genau so hab ich es mir vorgestellt! Doch eben, bald merkt man: Es sind Fifty Shades of Boredom, die man sich da antut.

Johnson hätte mehr drauf

Dabei leisten die beiden Hauptdarsteller eine gute Arbeit. Jamie Dornan, ein ehemaliges Model, und auch Dakota Johnson, die nur zwei Gesichtsausdrücke, stöhnend und bewundernd, aufsetzen und sich ständig auf die Lippen beissen muss – doch man sieht ihr an, dass sie mehr draufhätte. Ihren Eltern – Melanie Griffith und «Miami Vice»-Star Don Johnson – soll die 25-Jährige verboten haben, sich den Film anzuschauen. Der Vater liess verlauten, dass ihm das egal sei, es sei eh nicht seine Art von Film. Irgendwann wird er ihn doch gesehen haben, so wie alle. «Fifty Shades of Grey» wird einer jener Filme werden, die sich niemand anschauen geht und die dann doch jeder kennt. Nina Kobelt

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