Zum Hauptinhalt springen

Stoff für Zoff – Zürcher schieben Erbfragen oft auf die lange Bank

Wem vermache ich was? Den Nachlass zu Lebzeiten zu regeln, ist im Kanton Zürich nicht besonders beliebt. Denn obschon der Anteil der älteren Personen stetig steigt, nimmt die Zahl der neu deponierten Testamente ab.

Zürcherinnen und Zürcher leben immer länger. Mit der steigenden Lebenserwartung wird auch der Anteil der älteren Menschen an der Gesamtbevölkerung kontinuierlich grösser. So hat sich beispielsweise die Zahl der Personen im Kanton Zürich, die über 79 Jahre alt sind, in den letzten 30 Jahren mehr als verdoppelt.

Vor diesem Hintergrund würde man eigentlich davon ausgehen, dass heute folglich mehr Menschen Fragen zur Nachlassregelung aktiv angehen und regeln. Doch die statistischen Angaben der 44 Zürcher Notariate können durchaus als Indiz dafür gewertet werden, dass es sich anders verhält als gedacht. Denn insbesondere was die Hinterlegung von neu eingegangenen eigenhändigen Testamenten auf den Notariaten angeht – die mit Abstand am häufigsten gewählte Testamentsform im Kanton Zürich –, stagnieren oder sinken die Zahlen seit Jahren. So wurden beispielsweise im vergangenen Jahr gerade mal noch 2321 neue Testamente eingereicht und deponiert (Vorjahre: 2402 respektive 2407 Testamente). Laut den Angaben des Notariatsinspektorates des Kantons Zürich waren auf den 44 Notariaten Ende letzten Jahres total 24 125 handschriftlich formulierte Testamente deponiert gewesen.

Und auch wenn letztlich nicht verifiziert werden kann, wie viele Personen ihr Testament derzeit zu Hause oder in einem Banksafe aufbewahren, so muss dennoch vermutet werden, dass relativ viele Leute im Kanton Zürich sterben, ohne ein Testament oder einen Erbvertrag zu hinterlassen.

Wer sich aber bei der Regelung des Nachlasses allein auf das Gesetz verlässt, riskiert unter Umständen, dass seine Liebsten leer ausgehen.

Viel Unwissen?

Gut möglich, dass dennoch für ­einige Personen die im Erbrecht festgelegten Prinzipien genügen. «So manche dürften aber auch schlicht Hemmungen haben, sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen», sagt René Biber, Notariatsinspektor des Kantons Zürich. Viele Fragen zum Nachlass würden deshalb auf die lange Bank geschoben. Denkbar ist allerdings ebenso, dass , wie eine repräsentative Umfrage in Deutschland gezeigt hat, sehr viel Unwissenheit zum Thema «Testament» in der Bevölkerung herrscht.

«Reichlich Informationen zum Thema Testament gibt es auf www.notariate.zh.ch», sagt Biber. Mehr Werbung wolle er aber, was die Regelung des Nachlasses zu Lebzeiten angehe, vom Notariatsinspektorat aus nicht machen. «Wie viel Reklame das ­jeweilige Notariat für Nachlass­regelungen machen will, ist dem individuellen Entscheid des Notars oder seines Stellvertreters vorbehalten.»

Testament thematisieren

Eine Umfrage dieser Zeitung bei den Zürcher Notariaten zeigt, dass man sich dieses individuellen Spielraums bewusst ist. ­Thierry Grote, Notar-Stellvertreter in Wädenswil, weist darauf hin, dass man durchaus versuche, die Kunden für das Thema Tes­tament zu sensibilisieren. Die Zahl der in Anspruch genom­menen Nachlassberatungen und der neu deponierten Testamente habe in Wädenswil in den letzten Jahren dementsprechend zugenommen.

Für Grote ist eines besonders klar: «Nicht selten ist es um den Familienfrieden geschehen, wenn es ums Erben geht.» In den meisten Fällen liessen sich aber solche Konflikte durch eine gezielte Planung zu Lebzeiten vermeiden, ist er überzeugt. «Ist zum Beispiel bei Ehegatten der grosse Teil des Vermögens im selbst bewohnten Eigenheim angelegt, drängt sich eine frühzeitige Absicherung umso mehr auf. In der Praxis besteht bei verheirateten Paaren ein grosses Bedürfnis zu verhindern, dass der überlebende Ehegatte das Grundstück unter Umständen verkaufen und den gewohnten Lebensstandard aufgeben muss.»

Thomas Schmid, Notar-Stellvertreter in Meilen, bringt es ­folgendermassen auf den Punkt: «Ohne Dokumentation seines Letzten Willens findet dieser keine Umsetzung.» Doch er weist in diesem Zusammenhang noch auf eine andere Gefahr hin: «Die Nachlassplanung und -verwaltung ist ein lukrativer Markt, und es tummeln sich leider viele schwarze Schafe darin.»

Der Bevölkerung sei oft schlicht zu wenig bewusst, dass die Notariate «als amtliche, neutrale Stellen auch zur Ausarbeitung von Testamenten zur Verfügung stehen», sagt Schmid. Die Notariate böten überdies an, das zu deponierende Testament auf allfällige Mängel hin zu überprüfen.

Häufige Fehler

Dass beim Abfassen eines Testamentes ziemlich häufig Fehler passieren, davon wissen alle Zürcher Notariate zu berichten. Das beginnt bei Formfehlern (ein eigenhändiges Testament muss von Anfang bis Ende von Hand ­geschrieben sein, sonst könnten es zu kurz gekommene Erben anfechten) und endet bei inhaltlichen Mängeln (widersprüchliche Formulierungen und Missachtung der Pflichtteile der gesetz­lichen Erben).

«Oft genügt aber ein Testament alleine nicht; es empfiehlt sich der Abschluss eines Ehevertrages oder eines Erbvertrages», sagt ­Felix Wittwer, Notar in Dielsdorf. Er weist zudem darauf hin, dass die zürcherischen Notariate die offiziellen Depositenstellen für die Hinterlegung von Testamenten und Erbverträgen sind. «Die Hinterlegung kostet eine einmalige Gebühr von 150 Franken für die ganze Aufbewahrungszeit.»

Nicht zu Hause aufbewahren

Dass es sich empfiehlt, die entsprechenden Verfügungen auf einem Notariat zu deponieren, darauf machen gleich mehrere Zürcher Notare aufmerksam. «Bei der Aufbewahrung zu Hause kann das Testament in falsche Hände geraten oder im Zuge von Räumungsaktionen verschwinden», erklärt Mathias Rusterholz, Notar auf dem Notariat Illnau. Doch auch von einer Deponierung auf einer Bank wird von vielen eher abgeraten. Denn laut Notar Heinz Wolfensberger vom Notariat in Uster bestehe die Gefahr, dass «einzelnen Erben der Zutritt zu einem Banksafe bis zur definitiven Klärung der Erbenstellung verweigert wird».

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch