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Stoppt eine Maschine, fängt seine Arbeit an

Er war Tauchlehrer in Thailand, bevor er in Winterthur ins Über­gewand stieg. Heute ist Christian Gasser «Troubleshooter» bei Burckhardt Compression. Seine Mission: die Maschinen im Schuss halten, welche Kleinteile fertigen – also Teile bis drei Meter Länge.

Der ruhige Moment dauert nicht lang. Heute sei eben Putztag, sagt Christian Gasser fast entschuldigend, als er durch die grosse Industriehalle von Burckhardt Compression in Oberwinterthur führt. Von den grossen Maschinen neben ihm tropft das Schmutzwasser. «Es gibt weniger Störungen, wenn die Maschinen immer sauber sind.» Dann geht es los: Er müsse kommen, es gebe ein Problem, sagt ein Mitarbeiter im blauen Overall. Christian Gasser schaut kurz hin, dann sagt er: «Ein Klassiker.» In einer Maschine hat sich ein Bohreinsatz verklemmt und kann nicht ausgewechselt werden. «Das kann ich selbst machen, in einer Viertelstunde habe ich das.» Doch eine Viertelstunde Zeit hat der Teamleiter im Moment nicht. Ein zweiter Angestellter ruft ihn herbei. «Wir haben vier neue Maschinen dort drüben, doch eine davon will noch nicht recht», sagt Gasser. «Es gibt Pro- bleme mit den Einstellungen.» Kurz dar­auf braucht ein dritter Mitarbeiter Hilfe – bei seiner Maschine ist ein Hydraulik­schlauch kaputt. Erst nach einem vierten Noteinsatz kann Gasser schliesslich zur ersten Maschine zurückkehren. Im Eiltempo drückt er Dutzende Tasten neben einem grossen Bildschirm, dann dreht er einen Knopf, die Maschine geht auf und er tritt hinein. Ein Griff, und er hält einen Metallspan in der Hand. «Der ist in den Bohrbereich gekommen, die Signale stimmten nicht mehr und die Maschine stellte ab.» Noch ein paar Dutzend Tasten­drücke, und die Maschine läuft wieder. Geht das den ganzen Tag so? Ja, sagt Gasser und seufzt. Manchmal komme das ungelegen, etwa wenn er Büroarbeit erledigen wolle. Als Teamleiter hat Gasser unter anderem die Schichtpläne zu erstellen. Das macht er in einem Büro, das sich im Innern der Fabrik befindet. Dort verbringt er fast die Hälfte seiner Arbeitszeit. Die Maschinen in der Werkhalle von Burckhardt Compression müssen immer laufen, 24 Stunden am Tag. Tun sie es nicht, verliert der Betrieb Geld. Dar­um müssen die Mitarbeiter in Schichten arbeiten, drei sind es pro Tag. Gasser betreut während einer Schicht etwa 15 Angestellte, ein Kollege während der zweiten noch einmal so viele, die Nachtschicht ist eine «Geisterschicht». Insgesamt arbeiten 120 Personen in der Halle, die so gross ist, dass mancher Mitarbeiter mit dem Velo vom einen Ende zum anderen fährt. Viel mehr Angestellte, etwa 350, sitzen jedoch im grossen Büro­gebäude nebenan. Früh oder spät Der Schichtführer ist an diesem Morgen früh aufgestanden. Die erste Schicht dauert von 6 Uhr bis 14.30 Uhr. Die Spätschicht von 14.30 Uhr bis 23 Uhr übernimmt er jede zweite Woche. «Das passt für mich», sagt der 39-jährige Vater. Nicht nur, weil er so Zeit für seine beiden Töchter hat. Im Sommer nutzt er einen frühen Feierabend auch gern für den Gang ins Schwimmbad. Christian Gasser ist gern im Wasser. Viele Jahre ar­bei­te­te er als Tauchlehrer in Thailand, wo er auch seine Frau kennen lernte. War es nicht schöner, dort zu arbeiten als hier in der Fabrik? «Doch, schon, aber ich wollte meine Familie ernähren können.» So kam er zurück in die Schweiz, zusammen mit seiner Frau und der erstgeborenen Tochter – ein Jahr vor dem Tsunami. «Wir haben grosses Glück gehabt.» Der Teamleiter muss auf 17 Maschinen ein Auge haben – Drehmaschinen, Fräsmaschinen, Schleifmaschinen. Mit diesen werden verschiedene Kleinteile bearbeitet, Kolbenstangen etwa oder Flanschen, also runde Metall­elemente zur Verbindung von Maschinenteilen. Das Wort «Klein­teile» ist freilich relativ. Bei Burckhardt Compression gelten Elemente von bis zu drei Metern Länge und einem halben Meter Durchmesser als klein. Denn die fertigen Kompressoren, die nach der Montage die Werk­halle verlassen, sind um ein Vielfaches grösser – und sieben bis 320 Tonnen schwer. Kostenpunkt: mehrere Hunderttausend bis Millionen Franken. Sulzer überlegte es sich anders Gekauft werden die Kompressoren von Firmen aus der Öl-, Gas- und der chemischen Industrie. Diese brauchen sie, um Gase zu verdichten, zu kühlen oder zu verflüssigen. So wird beispielsweise Erdgas vor dem Transport per Schiff verdichtet, um Platz zu sparen. Burckhardt Compression, gegründet 1844, war ursprünglich in Basel angesiedelt. Erst nach vielen Jahrzehnten wurde die Firma «winterthurerisch»: 1969 kaufte Sulzer den Betrieb, im Jahr 2000 wurden alle Bereiche in Winterthur zusammengefasst. Nur zwei Jahre später verkaufte Sulzer die Burckhardt-Sparte ans Management und eine Beteiligungsfirma, 2006 kam der Gang an die Börse. Im Moment läuft es der Firma gut. Sie expandiert, ein Teil der Werkhalle in Oberwinterthur wird nach dem Auszug eines Untermieters umgebaut. Er schätze es, einen sicheren Arbeitsplatz zu haben, sagt Christian Gasser. Also bleibt er in Winterthur und wird nicht wieder Tauchlehrer? Ja, denn hier stimme für ihn vieles, sagt er: die handwerkliche Arbeit, der familiäre Umgang bei Burckhardt Compression. «Ich habe mich nur noch nicht daran gewöhnen können, für die Tauchferien Geld zu zahlen anstatt Geld damit zu verdienen.»

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