Zum Hauptinhalt springen

Streikende Textilarbeiter erschossen

PHNOM PENH. In Kambodscha ist der Arbeitskampf für höhere Löhne in der Textilbranche eskaliert. Die Polizei erschoss mindestens drei Streikende. Der Druck auf Regierungschef Hun Sen nimmt zu.

In den letzten Minuten seines Lebens versuchte der unbekannte Mann offenbar mit letzten Kräften, über den holprigen Gehweg der Veng-Sreng-Strasse am Rand der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh in Sicherheit zu kriechen. Jetzt liegt der Oberkörper des Textilarbeiters gekrümmt über einer Stufe. Um den Kopf des Toten hat das aus einer Schusswunde laufende Blut eine grosse Lache gebildet. Für den Mann, der gemeinsam mit Zehntausenden weiteren Textilarbeitern streikte, beendete gestern eine Kugel die Hoffnung auf eine Erhöhung seines monatlichen Mindestlohnes von 58 auf 116 Euro. Armee und Polizei waren erstmals seit Beginn einer bereits Monate dauernden Streik- und Protestwelle mit brutaler Gewalt gegen Textilarbeiter und Demonstranten vorgegangen. Mindestens zwei weitere Menschen starben gestern im Kugelhagel und Dutzende wurden verletzt, weil der langjährige Regierungschef Hun Sen nicht mehr länger tatenlos zusehen wollte. Denn den etwa 30 000 gewerkschaftlich organisierten Textilarbeitern ist es gelungen, gegen 300 000 Arbeiter in den rund 450 Fabriken für den Ausstand zu mobilisieren.

Damit wurde nicht nur die kambodschanische Textilindustrie mit ihren rund 500 000 Beschäftigten lahmgelegt. Der Ausstand bedroht auch die Zukunft des Wirtschaftszweigs, dessen Exporte von fünf Milliarden US-Dollar pro Jahr 80 Prozent der Deviseneinnahmen Kambodschas ausmachen. Überwiegend von chinesischen Firmen betriebene Textilfabriken fertigen in dem südostasiatischen Land zu Dumpinglöhnen Kleider und Schuhwerk für Modemarken wie Adidas, Puma, Nike oder H&M, die in westlichen Verkaufsregalen zu Preisen verkauft werden, die um ein Vielfaches über den Monatslöhnen der kambodschanischen Arbeiter liegen.

Tiefere Löhne als in China

«Bei Berücksichtigung der Inflation verdient ein kambodschanischer Textilarbeiter heute etwa den gleichen Lohn wie im Jahr 2001», sagt Joel Preston, dessen Hilfsorganisation Cambodia Legal Education Center sich vorwiegend um die Belange von Textilarbeitern kümmert. Die westlichen Modekonzerne zogen häufig von China nach Kambodscha um, weil im Reich der Mitte längst dreimal höhere Löhne gezahlt werden. Dennoch weigerten sich Kambodschas Fabrikbesitzer in der letzten Dezemberwoche, einer Mindestlohnerhöhung von 58 auf 70 Euro zuzustimmen. Die Arbeiter reagierten so empört, dass daraufhin eine von der Regierung angeordnete Erhöhung auf 72 Euro nicht mehr akzeptiert wurde.

Verbündete der Opposition

Wie sehr die Streikwelle den bislang unangefochtenen Herrscher in Phnom Penh in Sorge versetzt, machte vor ein paar Tagen sein persönlicher Berater Ros Chantrabot, Mitglied der Royal Academy of Cambodia, deutlich: «Ich warne vor der Politik des Selbstmords.» Offenbar fürchtet Hun Sen um sein Ziel, auch im Alter von mehr als 70 Jahren Kambodscha noch zu regieren. Denn die sechs Gewerkschaften, die eine führende Rolle bei dem Streik spielen, gelten als Verbündete der Oppositionspartei Cambodian National Rescue Party unter Führung von Sam Rainsy. Dieser startete Mitte Dezember nach mehrwöchiger Pause erneut Proteste gegen die Regierung. Sein Vorwurf: Hun Sen habe bei den Wahlen im Juli vergangenen Jahres der Opposition über zwei Millionen Stimmen gestohlen und sie um den Wahlsieg betrogen. Rainsy war im Sommer tatsächlich mit einer Mischung aus Ausländerfeindschaft ge­gen­über Kambodschanern vietnamesischen Ursprungs und auf einer Welle der Wechselstimmung gefährlich nahe an sein Ziel gekommen, Hun Sen abzulösen.

Am Donnerstag brach Rainsy im Namen der Opposition nun Verhandlungen mit der Regierung ab. Man könne nicht mit «Barbaren» reden, die mit Gewalt gegen die streikenden Textilarbeiter vorgehen, argumentierte er. «Sie gehen zu weit», warnt Hun Sens Berater Chantrabot, «wenn sie mit ihren Protesten weitermachen, könnte das die Nation teilen.» Hun Sen selbst kann die Aufregung ohnehin nicht verstehen. «Ich soll zurücktreten?», fragt er. «Was soll ich den falsch gemacht haben?»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch