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Streit um die Zeit für die Endgültigkeit

Atommüll strahlt derart lange, dass sich der Mensch schier endlos Gedanken machen könnte, wie er damit umgehen soll. Doch ein Lernprozess über Generationen könnte auch abreissen.

Verantwortung ge­gen­über zukünftigen Generationen, der geeignetste Standort, ein möglichst sicheres Endlager: Auf der Ebene der unbestrittenen Allgemeinplätze waren sich die Referenten am 1. Internationalen Atommüllkongress letzten Donnerstag einig. Doch bei der Frage nach dem vorhandenen Wissen und der dazu benötigten Zeit gingen die Meinungen im Technopark Zürich auseinander. «Wir wissen zu wenig!» überschrieb die Schweizerische Ener­gie-Stiftung (SES), die Organisatorin des Kongresses, anderntags ihre Medienmitteilung. Das Problem sei, so ihr wenig überraschendes Fazit, «alles andere als gelöst». Auch die gegenüber einer Endlagerung von Atommüll überwiegend kritisch eingestellten Referenten sprachen sich daher für die Losung aus: Lieber eine Lösung auf Zeit als eine Scheinlösung für die Ewigkeit. Bessere Lösung nicht verbauen Nein, der Mensch könne die Verantwortung für die sichere Entsorgung von Atommüll für eine Million Jahre nicht übernehmen, sagte Pfarrer Eckhard Kruse, Endlagerbeauftrager der evangelisch-lutherischen Landeskirche Han­nover. «Aber er muss es tun.» Angesichts der riesigen Zeitspanne habe er bei dem masslosen Unterfangen Endlagerung ein Ewigkeitsproblem. Radioaktiven Müll bezeichnet Kruse nicht als Altlast, sondern als Zukunftslast. Er fordert bei der Lösungssuche mehr Bescheidenheit – und Zeit. Mit einer möglichst langfristigen Zwischenlagerung des Atommülls soll nachfolgenden Generationen die Möglichkeit offengehalten werden, begangene Fehler revidieren und bessere Lösungen finden zu können. Konkret soll der Atommüll nicht voreilig im Tiefenlager endgültig verschlossen werden, sondern möglichst lange an die Erdoberfläche rückholbar sein, um etwaige Falschfestlegungen rückgängig machen zu können. Kein «endloses» Zwischenlager Gegen einen unbedachten Verschluss ist selbstredend auch die Nagra. Die Suche nach einem Endlager sei zwar ein «stufenweises Vorgehen über Generationen hinweg, ein Multigenerationenprojekt», sagte Markus Fritschi. Eine gleichsam endlose Zwischenlagerung lehnt das Nagra-Geschäftsleitungsmitglied jedoch ab. Denn ein Zwischenlager wie jenes in Würenlingen (Bild) sei nur so lange sicher, wie man sich dar­um kümmere. Nach dem «heutigen Stand des Irrtums» sei ein geologisches Tiefenlager der sicherste Ort für die Entsorgung von Atommüll. «Es ist die ­einzige Umwelt, die Stabilität bieten kann», so Fritschi. Stabil insbesondere auch deshalb, weil der Einschluss in der Tiefe unabhängig ist von der bisweilen turbulenten Erdoberfläche – von politischen Unruhen, Kriegen oder Umweltkatastrophen. Es sei zwar möglich, dass es bis ins Jahr 2050 oder dar­über hinaus bessere technische Lösungen für den Umgang mit Atommüll gebe, weshalb die Rückholbarkeit des Mülls bis 100 oder 150 Jahre ja auch gesetzlich gefordert sei. «Aber wir müssen heute mit Testen beginnen.» Man könne nicht auf bessere Lösungen hoffen und heute nichts tun. «Es gibt auch eine Verantwortung für das, was man unterlässt, nicht nur für das, was man tut», so ­Fritschi. Seiner Ansicht nach darf die Suche nach einem Endlager nicht auf die lange Bank geschoben werden. Umkehr- und korrigierbar Insbesondere seit dem angekündigten Atomausstieg bereitet die Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Willens, ein solches Lager zu realisieren, Markus Fritschi «ernsthaft Sorgen». «Das ‹Aufräumen› wird noch unbeliebter, wenn man ganz aufgehört hat zu ‹spielen›», sagte Fritschi in Anspielung auf die Eröffnungsworte der Modera­torin des Kongresses. Ihr Patenkind spielt zwar gerne, räumt danach aber jeweils nur widerwillig auf. Der Geologe Walter Wildi kritisierte die Standortsuche für ein Endlager. Ihm zufolge müssen zuerst noch offene Fragen geklärt werden, bevor der Lagerstandort festgelegt wird. Er fordert daher ein frühzeitiges Testlager, «kein gewagtes Pilotprojekt, Versuchsspiel». Mit dem Bau des Felslabors am gewählten Standort sei genau dies vorgesehen, entgegnete Markus Fritschi der Kritik von Wildi. Für ein solches Testlager brauche es aber zuerst einen Standort. Die Baubewilligung für das definitive Lager wird nur nach einer erfolgreichen Testphase erteilt. Damit ist die Standortwahl für ein Endlager umkehr- respektive korrigierbar. Da der Opalinuston im Felslabor Mont Terri andere Eigenschaften aufweist als in den Standortgebieten, ist ein zweites solches Labor vor Ort erforderlich («Landbote» vom 6. März).

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