Zum Hauptinhalt springen

Sublime Vergegenwärtigung des Augenblicks

Der Pianist Chris Wiesendanger hat einen Liederzyklus auf alte japanische Gedichte komponiert. Ein ergreifendes Klangkunstwerk, das am Montag in der Reihe «Musica aperta» im Theater am Gleis zu hören war.

Gedichte bringen Stimmungen zum Ausdruck, ihre Sprache entfernt sich vom Alltag und nähert sich der Musik an. Sie zu vertonen, ist daher ein heikles Unterfangen: Die Gefahr ist gross, dass sich beide Kunstformen konkurrenzieren. Beim Liederzyklus «Wie ein Band aufrollen und ins Feuer werfen» des Zürcher Pianisten Chris Wiesendanger ergänzen sie sich. Der Musik gelingt hier, das, was die – im Konzert an die Leinwand projizierten – Gedichte sagen, noch einmal und anders zu sagen. Ein ausserordentliches Kunsterlebnis für das Publikum im gut besuchten Theater am Gleis.

Die vom Komponisten ausgewählten sogenannten Tanka – eine über tausend Jahre alte japanische Gedichtform, die als Vorläufer des Haiku gilt – beschwören den Augenblick und handeln von der Vergänglichkeit. Wiederkehrende Bilder sind der Fluss, der Regen, die welkende Blume, die Vollmondnacht. Dazu kommen je ein Gedicht von Paul Celan und vom französischen Dichter Guillevic.

Exzellenter Vortrag

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, hat Wiesendanger der Versuchung widerstanden, die vom Text evozierten Vorstellungsbilder musikalisch nachzumalen. Der vom En­sem­ble für Neue Musik Zürich sowie Sonoe Kato, Gesang, Christian Weber, Kontrabass, und dem Komponisten am Klavier exzellent vorgetragene Zyklus überrascht vielmehr mit delikaten Rhythmen und sublimen Klangereignissen, die die Sinne der Zuhörer schärfen und so auf ihre Weise die Essenz der Gedichte, den Augenblick, vergegenwärtigen.

Klangsprache und Gesangsstil wandeln sich bei den beiden Texten aus dem 20. Jahrhundert. Bei Guillevic werden sie üppiger und bei Celans «Ricercar» fühlte man sich an die Tonsprache von Bach erinnert. Das hatte im Kontext der Neuen Musik einen eigenen Effekt: Das Stück wirkte nicht als Zitat, sondern unmittelbar ergreifend. (dwo)

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch