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Swissness ist voll Zucker

Dass Kräuter durchaus spannend sein können – vor allem, wenn sie später in einem Bonbon stecken –, erlebt man in einem Schaugarten von Ricola. Einen solchen gibt es vor dem Landgasthof Ruedihus, einem historischen Juwel im hinteren Kandertal.

«Wer hats erfunden?» Der Werbeslogan für die gelb verpackten Kräuterzucker begeisterte die halbe Welt. Und wer hegt keine Kindheitserinnerung an die gelbe Dose, die in Grossmutters Wohnzimmerschrank stand? Wir Kinder durften davon naschen, natürlich erst nach ausdrücklicher Erlaubnis. Die süssen Klötzchen klebten oft fest aneinander, sodass wir ein Stück herausbrechen mussten.

Nicht weniger als 13 Heilkräuter sorgen für den Geschmack der Klassiker von Ricola, die der Laufener Familienbetrieb seit Jahrzehnten herstellt. Aber auch alle übrigen Produkte, Kräuterbonbons, Kaugummis sowie Tees enthalten diesen Kräutermix. Bei den Bonbons anderer Geschmacksrichtungen kommt noch das jeweilige Kraut, etwa Zitronenmelisse oder Orangenminze, als geschmacksbestimmendes Element hinzu. In sechs Schaugärten – einer befindet sich beim Landgasthof Ruedihus in Kandersteg – kann man die «magischen 13» begutachten, anfassen und beschnuppern. Seit 1995 gibt es die «wandelnden Ricola-Inserate», wie der Hotelier des Landgasthofs René Mäder die Schaugärten scherzhaft nennt. «Vor der Erstellung des Gartens stand hier eine Blumenwiese. Der Schaugarten stellt eine gute Ergänzung zum ‹Ruedihus› dar und wird auch gut besucht.» Ricola war für die Anlage zuständig, die Pflege liegt jedoch in den Händen einer lokalen Gärtnerin.

Keine Pestizide

Die Kräuter, die hier unter der Sonne des Berner Oberlandes prächtig gedeihen, werden nicht für die Produktion verwendet, es sind viel zu wenig. Für den Kräuteranbau sorgen vielmehr über hundert Bergbauern im Wallis, im Emmental, im Puschlav, im Jura, in der Zentralschweiz und im Tessin.

Beim Anbau und bei der Pflege wird sehr sorgfältig und von Hand gearbeitet, der Einsatz von Herbiziden und Pestiziden ist selbstverständlich ein Tabu.

Ehrenpreis, Frauenmantel, Schafgarbe, Malve oder Pfefferminze, aber auch weniger geläufige Kräuter wie Andorn oder Kleine Bibernelle kann man in dem kleinen Garten entdecken. Die meisten Heilkräuter sind in runden Beeten angepflanzt, die mit Steinen abgegrenzt sind. Beim Schlendern durch duftende Sträucher und Blüten lernt man einiges: etwa, dass der Frauenmantel entzündungshemmend und blutstillend wirkt, der Eibisch besonders bei Reizhusten zu empfehlen ist, die Blätter von Pfefferminze Magenbeschwerden lindern und der Thymian Husten löst.

Andorn kommt hierzulande wenig vor, aber aufgrund der Blattform und der weissen Blüten wird er leicht mit der Taubnessel verwechselt. Schon Paracelsus soll Andorn bei Milz-, Leber- und Lungenleiden sowie bei Bronchitis empfohlen haben. Die Kleine Bibernelle, auch Pimpinella genannt, hilft ebenso bei Infekten der oberen Atemwege. Als die Pest in Europa wütete, hiess es: Esset Knoblauch und Bibernell, so sterbet ihr nicht so schnell.

Ein Kraut, das es in sich hat

Die Wirkstoffe werden aus Blättern, Blüten oder Wurzeln gewonnen. Sobald die Kräuter den höchsten Gehalt an Aroma-, Farb- und Wirkstoffen haben, wird geerntet. Die Bonbonmacher bei Ricola kontrollieren jede Produktionsstufe mit einer Liste von Anforderungen: Wie sieht die Pflanze aus? Sind Geruch und Geschmack arttypisch? Ist sie frei von Fremdkörpern, Erde, Insekten oder Unkraut? Nach Sortierung, Reinigung und Untersuchung im Labor werden die Wirkstoffe herausdestilliert. Dazu kommt Glukosesirup und, je nach Sorte, ein Extrakt wie Cassis oder Cranberry hinzu. Die Masse wird schliesslich zu einem Bonbon verarbeitet. Schweizerischer kann man sich wohl kaum fühlen als hier im Ricola-Garten in Kandersteg.

Der ehrwürdige Landgasthof Ruedihus leistet seinen Beitrag zur Idylle. Das Haus aus dem Jahr 1753 gilt als Spitzenleistung der Zimmermannskunst und ist auch innen ein Juwel. Das Holz wurde in einer Nacht zu einer bestimmten Mondphase geschlagen. Nur dann, so glaubte man, ruhte der Segen auf ihm.

Offensichtlich war auch das Kraut Allermannsharnisch segensreich, das in die Schwelle der Eingangstüre gelegt wurde. Denn das Haus brannte 1908 aus, jedoch blieb der vordere Teil erhalten. René Mäder: «Das Kraut wurde früher unter der Rüstung getragen, um sich vor tödlicher Verletzung zu schützen. Offenbar ist doch etwas dran an diesem Glauben.»

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