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Sympathischer Stellvertreter Springsteens

Der ehemalige «Tagesschau»-Sprecher Heinrich Müller entführte zusammen mit seiner Band in die musikalische Welt von Bruce Springsteen. Er überraschte mit Rockstar-Posen, die man ihm ob seines unscheinbaren Äusseren kaum zugetraut hätte.

War es Zufall, dass Heinrich Müller in Neftenbach auftrat, oder ein Wink des Schicksals? Tatsache ist, dass der Aargauer von der örtlichen Kulturkommission in jene Gemeinde eingeladen wurde, in der er als Kind seine Ferien verbracht hatte. «Viele Bilder habe ich nicht mehr im Kopf», erzählte der sympathische Frontmann, der im früheren Leben populärer Nachrichtensprecher war. «Ich erinnere mich bloss noch an die ungewöhnliche Form des Kirchturms.» Es sei aber unglaublich, wie die Gemeinde in der Zwischenzeit gewachsen sei, ergänzte Müller und leitete damit zum ersten Stück des Abends über.

«My Hometown» ist Bruce Spring- steens Rückblick auf die Stadt im amerikanischen Bundesstaat New Jersey, in der er aufgewachsen ist. Es sind traurige Erinnerungen an Rassenunruhen und den Niedergang der lokalen Textilindustrie. Vergleiche mit dem aufblühenden Neftenbach wären also eher gewagt. Heinrich Müller hat im letzten Sommer eine ganze CD mit Spring- steen-Songs veröffentlicht: «On Fire» ist eine Hommage an den 63-jährigen Rockstar, dessen Texte und Musik Müller tief berühren. «Wir covern aber die Songs nicht einfach, wir spielen sie nicht einfach nach», sagte Müller anlässlich der CD-Veröffentlichung. «Wir haben die Lieder neu erarbeitet und sie unserem Bandsound angepasst.»

Es lag in der Natur der Sache, dass das Schwergewicht des Abends im sehr gut gefüllten Ebni-Singsaal bei Müllers Springsteen-Ehrenbezeugung lag. Neun von elf Studiofassungen der CD standen auf der Setliste. Dazu kamen eine herrlich groovig-bluesige Version des bekannten Springsteen-Titels «Dancing in the Dark» und eine Handvoll von Müllers Eigenkompositionen von den ersten drei CDs, etwa das fetzige «You You You» oder «Letter from Africa», eine meisterhafte, perkussive Liebesbezeugung an die Heimat seiner Frau. Sie wirkten keineswegs wie Fremdkörper im Repertoire, sondern waren mustergültig zwischen die Springsteen-Songs eingebettet.

Erstaunlich wandlungsfähig

Ob das Publikum in erster Linie wegen des ehemaligen TV-Manns oder der Musik gekommen war, liess sich nicht eruieren. Es spielte auch keine Rolle, denn die Stimmung im eher nüchternen Singsaal war von Beginn weg grossartig. Das lag nicht nur an Frontmann Müller, an dessen ausladende Bewegungen und etwas linkischen Rockstar-Posen sich das Publikum zuerst gewöhnen musste – was für ein Kontrast zu seinem eher unscheinbaren Äusseren! Der 66-Jährige schien sich auf der Bühne wohlzufühlen, auch wenn er sich nach zwei Konzerten hintereinander etwas angeschlagen fühlte, wie er nach dem Konzert verriet.

Getragen wurde Müllers erstaunlich wandlungsfähige und sichere Stimme von einer bestens eingespielten Band, die sich aber nie zu Ego-Ausflügen hinreissen liess, sondern sich in den Dienst der Songs stellte. Gitarrist Robbie Caruso glänzte mit feinen Blues- und Country-Licks, Schlagzeuger Reto Spoerli und Bassist Plamen Blagoev lieferten dazu fein gewobene Rhythmusteppiche und farbige Zwischentöne.

Bei der Songauswahl zu «On Fire» entschied sich Heinrich Müller für einen gut abgehangenen Mix aus bekannten Stücken wie «I’m on Fire», «Streets of Philadelphia» oder «The River» und eher unbekannten Liedern. Das tieftraurige «Last Carnival» gehört dazu, eine ins Zirkusmetier verfrachtete Hommage an Danny Federici, den viel zu früh verstorbenen Keyboarder von Bruce Springsteens E Street Band. Dem melancholischen Unterton des Liedes setzte Müller in Neftenbach das beschwingte Country-Folk-Schmuckstück «Tomorrow Never Knows», das ironisch-erotisch angehauchte «Queen of the Supermarket» oder «Girls in Their Sommerclothes» entgegen, die alle zum Mitsummen oder zumindest Mitklatschen animierten.

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