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Syrien-Krieg schwappt in den Libanon

beirut. Nach der Entführung eines Libanesen in Damaskus destabilisieren schiitische Clans, die dem syrischen Regime nahestehen, den Libanon.

Der aus Paris kommende Airbus der Air France musste kurz vor der Landung in Beirut durchstarten. Schiitische Bewaffnete hatten in der Nacht auf gestern die Airport-Road mit brennenden Reifen blockiert und wild in die Luft geschossen. Die Maschine sollte daraufhin ins jordanische Amman umgeleitet werden, musste aber wegen Treibstoffmangel in Damaskus landen.

Dort ereignete sich am Vortag der Auslöser für die Proteste am Beiruter Flughafen. In der syrischen Hauptstadt war am Vortag der Libanese Hassan al-Mokdad von Aufständischen entführt worden. Der 27-Jährige sei ein Verbindungsmann der Assad nahestehenden Hisbollah, behaupten die Kidnapper. Tatsächlich ist Al-Mokdad nach Erkenntnissen Beiruter Tageszeitungen ein steckbrieflich gesuchter Kriminineller, der sich vor zwei Jahren nach Syrien abgesetzt hatte. Er gehört allerdings zu einem der einflussreichsten Schiitenclans in der an Syrien grenzenden Bekaa-Ebene, gegen die die Sicherheitskräfte seit Jahrzehnten praktisch auf verlorenem Posten stehen.

Dies zeigte sich auch, nachdem die Nachricht von der Entführung den Clan der Mokdads erreichte: Um die Freilassung des «lieben» Hassan zu erzwingen, brachten die aufgebrachten Angehörigen der schiitischen Sippe mehr als 40 Syrer und einen Türken in ihre Gewalt. Aus vier Syrern prügelte man ein Geständnis, Mitglied der Freien Syrischen Armee (FSA) zu sein, heraus, und stellte es ins Internet. Anschliessend stellte sich der Führer des Mokdad-Clans der lokalen Presse und nannte Saudi-Arabien, Katar und die Türkei als vermeintliche Hintermänner der Entführer.

Die Golfaraber und Türken im Libanon, so die Botschaft des Sippenführers, müssten ebenfalls mit ihrer Entführung rechnen, falls der «unschuldige» Hassan in Syrien nicht unverzüglich freigelassen werde. Die arabischen Golfstaaten forderten daraufhin ihre Landsleute im Libanon zur sofortigen Abreise auf. Saudi-Arabien schickte Sondermaschinen nach Beirut.

Sunniten setzen auf Rebellen

Für den Libanon ist die Massenflucht der reichen Golfaraber eine Katastrophe. Das Land lebt(e) vom Tourismus, der durch die Ausweitung des Syrien-Konfliktes nun zum Erliegen kommt. Seit dem Beginn des Aufstandes gegen das Assad-Regime ist das Land gespalten: Die überwiegend mit der Hisbollah sympathisierenden Schiiten stehen dem Diktator in Damaskus näher. Die Sunniten warten sehnlichst auf dessen Sturz. Sie wissen, dass sich nach einem Sieg der Rebellen die Kräftekonstellation in der Region vermutlich zu ihren Gunsten verändern wird.

Nicht wenige libanesische Sunniten unterstützen daher die syrischen Aufständischen mit Waffen und Geld. Mitglieder der Hisbollah dürften Assads Streitkräfte beraten und im Libanon versuchen, die Nachschubwege der ­Rebellen zu blockieren. Eine offene Konfrontation mit deren sunnitischen Helfershelfern im Libanon hat die Hisbollah bislang vermieden. Der höchst brüchige Status quo, der nun durch das Auftreten der schiitischen Kidnapperclans in der Bekaa-Ebene gefährdet ist, soll unbedingt bewahrt haben.

Aus diesem Grund hat Hisbollah-Führer Nasrallah bislang dar­auf verzichtet, seine schiitischen Glaubensbrüder öffentlich zur Ordnung zu rufen. Der Druck auf den Geistlichen, endlich «Farbe zu bekennen», wird allerdings täglich grösser. Denn neben dem «lieben» Hassan al-Mokdad warten in Syrien auch elf schiitische Pilger schon seit Wochen auf ihre Freilassung.

In Syrien selber ging der Krieg gestern unvermindert weiter. Der Uno-Sicherheitsrat ordnete ausserdem das Ende der Beobachtermission an. Die Bedingungen für eine Fortsetzung der Mission, deren Mandat am Sonntag endet, seien nicht gegeben, erklärte der französische Uno-Botschafter.

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