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Tag der offenen Tür statt Strassenkampf

Bangkok. Nach Strassenschlachten hat Thailands Polizei eine weitere Eskalation mit einer Taktikwende verhindert. Statt den Regierungssitz und die Polizeizentrale weiter zu verteidigen, öffnete sie gestern die Tore und liess die Demonstranten ein.

«Ich habe mich so gut vorbereitet, und jetzt das» sagt Hope Wirawutiwong und kramt etwas ratlos und enttäuscht in seinem schwarzen Rucksack. Er holt eine Wasserbrille heraus, zieht einen Mundschutz hervor und zeigt das verwaschene blaue Handtuch, mit dem er sich gegen Tränengas schützen wollte. Nun steht der knapp 50-jährige Pensionär mit einem Strohhut und für den Strassenkampf gerüstet vor dem Haupteingang der Metropolitan Police in Thailands Hauptstadt Bangkok etwas staunend vor dem offenen Tor. «Die lassen uns tatsächlich so plötzlich da rein», sagt Hope Wirawutiwong.

Statt das Staatssymbol zu stürmen, hat er sich nun dar­auf verlegt, das Herz einer alten Schulkameradin zu erobern, die er während der Proteste wiedertraf. Andere Demonstranten, die seit Tagen den Rücktritt der Regierung von Premierministerin Yingluck Shinawatra verlangen, waren so überrascht, dass sie zögerten, den einladenden Gesten der Polizei zu folgen. «Die wollen uns verhaften», wurde per Megafon zur Vorsicht gemahnt. Am Nachmittag sind die meisten Demonstranten nach tagelangen Strassenkämpfen angesichts der offenen Tore etwas ratlos abgezogen.

Zuerst feiern – und dann?

Der Yinglucks Bruder Thaksin Shinawatra nahestehende Polizeichef Generalleutnant Kamronwit Thoopkrajang hatte umgesetzt, was er während der Revolte in der vergangenen Woche mit Kronprinz Maha Vasjiralongkorn bei einem Treffen diskutiert hatte. Gestern konnten sich deshalb Hunderte von Polizisten in dunkelblauen Uniformen im Schatten von Platanen, in Hängematten oder schlichtweg auf dem Boden ausruhen.

«Am Donnerstag ist der Geburtstag des Königs. Da wollen wir keine Aus­einandersetzungen», sagt der 38-jährige Polizeioberstleutnant Sittiporn Tharakulthip, «aber ich habe keine Ahnung, wie es nach dem Geburtstag weitergehen wird.»

Hope Wirawutiwong, der früher für einen Importeur von Schweizer Armbanduhren in Bangkok ar­bei­te­te und inzwischen von den Erlösen seiner Börseninvestitionen lebt, ist zu weiteren Protesten bereit, obwohl er die Schwächen seiner Protestbewegung sieht: «Wir waren nicht auf der Siegerstrasse. Wir brauchen mehr Leute, um die Regierung zu verjagen.» Das änderte sich gestern Mittag angesichts des plötzlichen und unerwarteten Friedens in Bangkok schlagartig. Plötzlich strömten Tausende von Anhänger, die aus Furcht vor Tränengas und Gummikugeln während der vergangenen Tage zu Hause geblieben waren, wieder zu Bangkoks Demokratiedenkmal, vor dem die Regierungsgegner seit Tagen kampieren.

Heute ist Putztag

«Doppelte Feier», jubelte eine Gruppe junger Frauen, «Königsgeburtstag und unser Sieg.» Suthep Thaugsuban, der Anführer der «Muan Maha Prachachon», wie manche Thailänder mit einem spöttischen Unterton die «grösste Massenerhebung» beschreiben, versuchte, die triumphalen Feiern im Keim zu ersticken. «Sie haben uns die Gebäude überlassen, sind aber noch im Amt», erklärte er gestern Nachmittag, «der Kampf wird weitergehen.» Doch erst einmal schickte er seine Anhänger mit Besen los. Am heutigen Mittwoch sollen sie in Bangkok den Dreck aufräumen, den sie während der vergangenen Protesttage aufgehäuft haben – König Bhumibol und seinem Geburtstag am Donnerstag zu Ehren.

Doch hinter den Kulissen scheint das Schicksal von Suthep, gegen den mittlerweile Haftbefehle wegen Landesverrat und Aufrührertum erlassen wurde, längst besiegelt zu sein. Denn seine Hintermänner in der oppositionellen Demokratischen Partei verhandeln mit der Regierung, Thailands Generälen und Vertretern des Palasts über einen politischen Kompromiss.

Auflösung des Parlaments

Premierministerin Yingluck Shinawatra, die Schwester des von den Demonstranten so gehassten, 2006 vom Militär gestürzten Thaksin Shinawatra, reiste gestern in die Stadt Hua Hin, um dort dem greisen König Geburtstagsglückwünsche zu überbringen. In der Aktentasche trug sie ein unterschriftreifes Papier zur Auflösung des Parlaments mit sich, das der König unterzeichnen sollte.

Ob die Regierung das Schreiben nutzen wird, hängt nach Informationen dieser Zeitung von ihren Gegenspielern in der oppositionellen Demokratischen Partei ab. Sie hatten die Revolte in Bangkok angezettelt und finanziert, nachdem Thailands Verfassungsgericht sich zur Enttäuschung der Regierungsgegner gegen ein Verbot von Yinglucks Regierungspartei «Phuea Thai» entschieden hatte.

«Jetzt kommt es dar­auf an, ob Sutheps Hintermänner mit den Angeboten Yinglucks zufrieden sind», sagt ein Beobachter. Auf dem Tisch liegt unter anderem der Vorschlag, eine konsultative Versammlung einzurichten, die über Reformen berät. Sollte es so weit kommen, wären fünf Menschen gestorben und über hundert verletzt worden, um einen Kompromiss zu erreichen, dem sich die Gegner Yinglucks Wochen vor den Unruhen noch verweigerten.

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