Zum Hauptinhalt springen

Terroristen, die sich nicht bekannten

Die rechtsradikale Terrorgruppe «Nationalsozialistischer Untergrund» tötete zehn Menschen. Nächste Woche beginnt der Prozess gegen die Rechtsextremisten in München.

Am Mittwoch beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe. Die 38-Jährige ist das überlebende Mitglied der rechtsradikalen Terrorgruppe «Nationalsozialistischer Untergrund» (NSU). Ihre Mittäter Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos haben sich im November 2011 nach einem Bankraub selbst getötet. Die Polizei hatte ihr Versteck umstellt, sie konnten sich den Weg nicht freischiessen: Die Maschinenpistole klemmte. Durch den Tod der beiden wurde die Terrorzelle erst bekannt. Seit 1998 war das Trio untergetaucht. Es tötete mutmasslich neun Ausländer und eine Polizistin, zündete Bomben. Mit Banküberfällen finanzierten sich die drei den Lebensunterhalt. Pannen und falscher Verdacht Die Polizei tappte bis zum November 2011 im Dunkeln. Pannen in der Ermittlungsarbeit verhinderten ebenso einen Fahndungserfolg wie das Festhalten an der Theorie, die Mordserie an türkischstämmigen Kleinunternehmern gehe auf kriminelle Landsleute zurück. Die Ermittler vermuteten, es handle sich um Schutzgelderpressung, und betrieben zeitweilig sogar eine eigene Dönerbude. So hofften sie, den Tätern auf die Spur zu kommen, ohne Erfolg. Als Böhnhardt und Mundlos tot waren, Beate Zschäpe den letzten Unterschlupf des NSU mit einer Brandbombe zerstörte, ein Bekennervideo verbreitete und sich später der Polizei stellte, wurde klar: Die rechtsextreme Szene in Deutschland hatte sich so weit organisiert und radikalisiert, dass drei Neonazis eine Serie von politischen Morden durchführen konnten und 13 Jahre lang unentdeckt blieben. Die Szene versorgte sie mit Papieren, Unterkünften, Sprengstoff und einer Pistole aus der Schweiz, mit der sie neun von zehn Morden begingen. Der Prozess gegen Zschäpe und vier Personen aus dem Umkreis des NSU – dar­un­ter der ehemalige Landesvorsitzende der Thüringer NPD Ralf Wohlleben – gilt in Deutschland als grösster Prozess seit den RAF-Prozessen. Den Neonazis wird Beteiligung an den Mord- und Sprengstoffanschlägen sowie besonders schwere Brandstiftung, Gründung einer terroristischen Vereinigung und Beihilfe zum Raub vorgeworfen. Der Prozess wird voraussichtlich bis Januar 2014 dauern. Seit Wochen zeigt sich der Vorsitzende Richter nicht mehr öffentlich, der Generalbundesanwalt hält die Namen seiner Prozessvertreter geheim. Rechtsradikale haben Richter und Staats- anwälte zu «lohnenden Zielen» erklärt. Radikalisiert und abgetaucht Vier Untersuchungsausschüsse haben die Taten sowie die Ermittlungen der Behörden aufgearbeitet. Es kamen unangenehme Fakten ans Licht. Etwa dass die Behörden die Radikalisierung der rechten Szene in Ostdeutschland in den 90er-Jahren unterschätzt haben. Der deutsche Verfassungsschutz beobachtete zwar die Szene, griff jedoch kaum ein. Vielmehr finanzierte er Neonazi-Gruppierungen, indem er Vertrauensleute in der Szene anwarb und für Informationen bezahlte. Dieses Geld ging in die Kassen der rechtsradikalen Gruppen. Unter anderem des «Thüringer Heimatschutzes», zu dessen Mitgliedern Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zählten. Im Januar 1998 durchsuchte die Polizei eine Garage in Jena. Sie fand Material zum Bombenbau, Unterlagen und Telefonlisten des Trios, das direkt nach der Razzia untertauchen und zum NSU werden sollte. Heute weiss man: Bereits eine Auswertung der Telefonlisten hätte die Beamten zu den Personen geführt, die den Neonazis den Weg in den Untergrund ermöglichten. Doch die Listen wurden ad acta gelegt. Die Ceska aus der Schweiz Die Helfer des Trios beschafften auch die Tatwaffe. Es ist eine Ceska Zbrojova, Kaliber 7,65 mm, mit Schalldämpfer. Der Weg der Waffe liess sich durch die Arbeit der Untersuchungsausschüsse rekonstruieren. Der tschechische Hersteller hatte sie 1993 einem Waffenhändler im Solothurnischen geliefert. Dieser bot die Pistole für 1250 Franken an. Ein Schweizer kaufte die Waffe und gab sie an einen Bekannten weiter. Dieser hatte ihm den Kauf aufgetragen. Der Bekannte hatte Verbindungen nach Thüringen. Er hatte dort gelebt und kannte Personen aus dem Umfeld des «Thüringer Heimatschutzes». Über Mittelsmänner gelangte die Waffe zu Ralf Wohlleben, der sie von einem Kurier zum NSU bringen liess. 110 Neonazis untergetaucht Im Nachhinein zeichnen sich Muster ab. Die Überfälle und Morde verübten Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Sie waren mit der Ceska bewaffnet. Bei den mindestens zwölf Überfällen auf Banken und Postämter trugen sie weitere Waffen auf sich. Wenn sie eine Bank ausraubten oder einen Menschen erschossen, fuhren sie mit Velos zu den Tatorten. Etliche Zeugen gaben zu Protokoll, sie hätten zwei Männer auf Mountainbikes gesehen. Die Morde verübten Böhnhardt und Mundlos am Tag, ihre Opfer töteten sie mit Schüssen in den Kopf. Beigezogene Profiler des FBI präsentierten den Ermittlern eine klare Einschätzung. Der «Spiegel» zitierte aus dem FBI-Bericht: Der Täter sei diszipliniert und er habe die Männer erschossen, weil sie aus der Türkei stammten oder so aussahen. Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) sagte der «Welt am Sonntag», im Jahr 2012 seien 110 Rechtsextremisten mit offenen Haftbefehlen als untergetaucht gemeldet. Er glaubt nicht, dass NSU-Nachahmer dar­un­ter sind.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch