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Tibi zwischen zwei Welten

Er war eines von 159 Kindern, die als Pflegekinder in den Sechzigerjahren von Tibet in die Schweiz kamen. Wie die meisten von ihnen war Tibi kein Waisenkind. Man nahm ihn seinen tibetischen Eltern einfach weg.

Er wollte tschutten, seit er als Bub in die Schweiz gekommen war. Doch seine Pflegeeltern liessen das nicht zu. Das Tibeterkind sollte sich Höherem widmen, wie es der Dalai Lama wünschte. Doch Tibi suchte seinen eigenen Weg. Tibis Geschichte ist eine von vielen tragischen Geschichten. 1959 flüchtete der 14. Dalai Lama vor der chinesischen Besatzungsmacht nach Indien, genauer nach Dharamsala. 1963 nahm die Schweiz 1000 Flüchtlinge aus Tibet auf. Auch Tibi kam in die Schweiz, zusammen mit anderen Kindern, die im Kinderheim in Dharamsala waren. Der Industrielle Charles Aeschimann aus Olten organisierte eine Pflegekindaktion. 159 Kinder, von denen eines kurz nach der Ankunft bei einem Unfall verstarb, wählte er nach seinen Kriterien aus und platzierte sie in Schweizer Familien. Ziel war es, ihnen eine gute Ausbildung zu geben, damit sie später nach Tibet zurückkehren und dort Entwicklungshilfe leisten können. Der Dalai Lama war damit einverstanden. Er sah in den Kindern die Elite, mit der er sein Tibet später wieder hätte aufbauen können. Doch das Drama, das sich für die Kinder und deren Eltern in Tibet abspielte, hat Auswirkungen bis heute. Der Mutter entrissen Tibi, der eigentlich Lhundub Tsering heisst, kam als Siebenjähriger ins Zürcher Oberland, nach Grüningen. Seine leibliche Mutter Youden Jampa wusste nicht, dass der Sohn eine neue Mutter bekommen sollte. Der Vater war beim Militär, die Mutter ar­bei­te­te in einem Strassenbaulager. Sie liess ihr Kind in einem unter der Obhut des Dalai Lama stehenden Kinderheim zurück, in dem sie es gut versorgt glaubte. Doch plötzlich war es weg. Sie wurde nicht dar­über informiert, dass ihr Sohn nun in einer Schweizer Familie lebte. Mit drei Schwestern und einem Bruder, dem er ein Kamerad sein sollte. Die neue Mutter hiess Ruth Graber und war die Frau eines Kantonsschullehrers. Der Zürcher Regisseur Ueli Meier hat Tibis Geschichte in einem Film aufgearbeitet. Er kannte Tibi vom Fussball, beide spielten im selben Team in der alternativen Liga in Zürich. Doch wie Tibi in die Schweiz kam, wusste Meier lange nicht. Erst als Tibi begann, von seiner leiblichen Mutter zu reden, die er für drei Monate in die Schweiz holen wollte, begann sich Meier für seine Geschichte zu interessieren. Das war Mitte der Neunzigerjahre. Über zehn Jahre später, 2006, begleitete Meier Tibi mit der Kamera nach Indien. Youden Jampa ging es gesundheitlich schlecht. «Ich wusste, dass ich seine Geschichte nur sofort mit der Kamera festhalten konnte. Sonst wäre es zu spät gewesen», sagt Meier heute. Wo die Tibetfahnen wehen Gemeinsam mit seinem Freund Tibi sitzt er an diesem Morgen im Café in der Winterthurer Altstadt. Tibi stellt sich mit dem Übernamen vor, den er, seit er ein Kind ist, nie loswurde. In der Stadt ist er kein Unbekannter. Vor zwanzig Jahren zog er von Zürich nach Winterthur und wohnt seither mit seiner Frau und den zwei Kindern im Primarschulalter in Mattenbach. «Dort, wo die Tibetfahnen im Garten hängen.» Vielleicht könnte man den schlanken Mann mit den angegrauten langen Haaren schon als Stadtoriginal bezeichnen. Mittlerweile ist er 57 Jahre alt und arbeitet als Sozialpädagoge mit alten Menschen, die eine Behinderung haben. Für die Familie sei es ideal, in Winterthur zu leben. Und tschutten könne er jetzt beim FC Phoenix Seen. In solch ruhigen Bahnen verlief Tibis Leben vorher nie. Als Kind weinte er oft und sehnte sich nach Tibet und der Mutter. «Sie gab mir so viel Wärme.» Wenn Tibi von seiner Mutter Youden Jampa spricht, hellt sich sein Blick auf. «Sie ist gescheit, weise, hat viel Lebenserfahrung, ist Zeremonienmeisterin und Friedensrichterin. Alle nennen sie ‹Amala› – Mutter.» Tibis «neue» Mutter, Ruth Graber, habe sich zwar sehr gut um ihn gekümmert. «Ich hatte grosses Glück mit ihr.» Doch entwurzelt war er trotzdem. «Ich stand zwischen zwei Kulturen.» In Ueli Meiers Film «Tibi und seine Mütter» kommen sowohl «Amala» Youden Jampa als auch Ruth Graber, das «Müeti», zu Wort. Sie schildern ihre Erlebnisse und ihren Schmerz. Und ihre Geschichten stehen für viele andere. Mit seinem Schicksal hat sich Tibi abgefunden. «Man kann es immer beeinflussen – und ich habe einen Joker gezogen.» Anderen Pflegekindern ist es wesentlich schlechter gegangen als ihm. Doch noch heute haben die mittlerweile über Fünfzigjährigen Kontakt zueinander. Kürzlich haben sie gemeinsam Meiers Film geschaut. Es wurde ein langer Abend.

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