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Tinnitus: Phantomschmerz des Gehörs

Ohrgeräusche sind häufig. Wenn es Tag und Nacht piept oder rauscht im Ohr, kann das Leben zur Qual werden. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass chronischer Tinnitus im Gehirn entsteht. Die – sonst so wünschenswerte – Lernfähigkeit des Gehirns wendet sich gegen den eigenen Körper.

Es rauscht, piept, klingelt, zirpt, klickt, dröhnt, auf einem Ohr oder auf beiden. Manchmal verschwindet das störende Geräusch, wenn man gründlich ausgeschlafen hat. Oft bleibt es: Tag und Nacht. Sogar wenn der Betroffene ertaubt. Von Tinnitus gibt es unzählige Variationen. Eines haben sie gemeinsam: Niemand hört die Geräusche ausser den Betroffenen selbst. Tinnitus wird denn auch definiert als Wahrnehmung ohne äussere Schallquelle. Schätzungsweise ein halbe Million Menschen leiden in der Schweiz an Ohrgeräuschen. Verschiedene Ursachen und Auslöser sind bekannt. Als gesichert gilt, dass Tinnitus mit einer Schädigung des Innenohrs einhergeht: Klassische Ursache ist ein Hörtrauma, zum Beispiel im Militär durch Artilleriefeuer oder nach einer überlauten Konzertnacht. Auch Hörstürze, Mittelohrentzündungen, Fie­ber oder Diabetes gelten als Auslöser. Ohrgeräusche sollten deshalb immer ärztlich abgeklärt werden. Trotz modernster Diagnostik lassen sich im Falle eines andauernden Tinnitus jedoch oft keine organischen Ursachen erkennen. Unerwünschter Lernvorgang «Tinnitus ist keine Krankheit», das betont deshalb auch Professor Martin Meyer, «eher ein Ausrutscher, ein unerwünschter Lernvorgang des Gehirns.» Der Neuropsychologe an der Universität Zürich forscht, publiziert und lehrt seit Jahren zur sogenannten Plastizität, also zur Formbarkeit des Gehirns. Seine Forschung wird mitfinanziert vom Fonds zur Förderung des akademischen Nachwuchses (siehe Box). «Vor 15 Jahren ging man davon aus, dass im Gehirn ausschliesslich Nervenzellen in grosser Zahl während des Lebens abgebaut werden. Heute weiss man: Es wird ständig ab-, aber auch aufgebaut, umgebaut, angepasst.» Diese Veränderungen seien grundsätzlich wünschbar: Lebenslanges Lernen wird möglich. Nach schweren Schädigungen wie beispielsweise einem Schlaganfall können viele Fähigkeiten wieder antrainiert werden. Bei einem Tinnitus entstehen im Gehirn jedoch fehlerhafte neue Verbindungen der Nervenzellen. Obwohl keine Geräusche vorhanden sind, würden im Hörzentrum in der Grosshirnrinde von Tinnitusbetroffenen neuronale Felder stimuliert, erklärt Professor Meyer. «Ohne Reiz von aussen beginnt die Hörrinde zu feuern und so das Geräusch zu produzieren, das die betroffene Person – und nur sie – hört.» Bildgebende Verfahren würden jedoch die Aktivität der entsprechenden neuronalen Felder belegen, so Professor Meyer. «Phantomschmerz des Gehörs» Eine vergleichbare Fehlanpassung erleben Schmerzpatienten. Sie werden dauernd von Schmerzen geplagt, für die auf der organischen Ebene keine Ursachen erkennbar sind, die aber durch Fehlfunktionen der neuronalen Verbindungen entstehen. Deshalb wird Tinnitus auch «Phantomschmerz des Gehörs» genannt. In der Reaktion des Umfelds gibt es ebenfalls Parallelen: Chronische Schmerzpatienten und Tinnitusbetroffene werden oft nicht ernst genommen, ihr Leiden wird als Ein­bildung abgetan. Sozialer Rückzug, Arbeitsunfähigkeit, Depression sind deshalb mögliche Folgen ebenso von Tinnitus wie von chronischen Schmerzen – und verstärken wiederum die Symptomatik, sodass Betroffene in einen wahren Teufelskreis geraten. Auch wenn neurobiologische Ursachen eines Tinnitus belegt werden können, hat die Psyche laut dem Experten entscheidenden Einfluss auf den Verlauf. «Wie jemand damit zurechtkommt, variiert stark und hängt davon ab, wie er das Geräusch bewertet.» Meyer unterscheidet zwei Gruppen von chronischen Tinnituspatienten: Die erste leide stark, könne nicht mehr schlafen, habe Depressionen. Die andere beschreibe das Geräusch als vorhanden, aber nicht störend, als Teil ihres ansonsten normal verlaufenden Alltags. Betroffene aus der leidenden Gruppe verknüpften das Ohrgeräusch systematisch mit einem Angstgefühl, welches über kurz oder lang problematischer werden könne als das Geräusch selbst. «Sich mit dem Tinnitus zu versöhnen», das ist laut Professor Meyer deshalb das Ziel einer Therapie – nicht, das Geräusch zum Verstummen zu bringen. Musik als Therapie Wie eine solche «Versöhnung» vor sich gehen könnte, zeigen die Resultate einer Studie der Universität Münster: Tinnitusbetroffene hörten ein Jahr lang täglich ihre Lieblingsmusik. Die Forschenden hatten aus den Musikstücken für jeden Patienten genau die individuell unterschiedlichen Frequenzen des Ohrgeräuschs herausgeschnitten. Beim Musikhören wurde der Tinnitus so zum Teil des Musikgenusses. Nach zwölf Monaten berichteten alle Patienten, dass das Ohrgeräusch leiser geworden sei. Im Schnitt war es um ein Viertel vermindert, die Bandbreite reichte von wenigen Prozenten bis zu halb so laut. Was die Betroffenen subjektiv als Linderung schilderten, lässt sich laut Meyer wiederum als Gehirnaktivität messen. Ein «Rückbildungstraining» der übersteuerten Nervenzellen hat also stattgefunden, indem die Stimulierung von Nervenzellen nicht durch negative Zuschreibungen verstärkt wurde. Professor Meyer warnt davor, diese Resultate zum Mass aller Dinge in der Tinnitusbehandlung zu nehmen. Die Behandlungsansätze rund um die aufmerksamkeits- und emotionssteuernden Prozesse im Gehirn sind vielschichtig. «Vieles liegt noch im Dunkeln.» Doch die Fähigkeit des menschlichen Gehirns, sich durch Trainings- und Lerneffekte ein Leben lang zu verändern, berge interessante Möglichkeiten – auch zur Behandlung eines Ohrgeräusches.

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