Handwerk

Töpfern für die Toten

In der Hard stellt Rolf Künzle jährlich Tausende Begräbnis-Urnen für Zürich und Winterthur her.

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Was ist dem Urnen-Macher das wichtigste? «Das letzte Behältnis soll mit Pietät und Sorgfalt gemacht werden», sagt Rolf Künzle, 52 Jahre alt. Er ist gelernter Töpfer und Keramikmodelleur und stellt jedes Jahr Tausende Begräbnis-Urnen her. In seiner Werkstatt «Votum Atelier» in der Gemeinschaft Hard am Stadtrand wirkt er als einer von wenigen Urnen-Machern der Schweiz.Künzles Urnen sind gefragt, er beliefert die Bestattungsämter der Städte Winterthur und Zürich jedes Jahr mit je 2000 seiner Ton-Gefässe. Und jede ist individuell. Als erstes werden die Ton-Stücke zwar immer gleich und maschinell in Gipsformen eingedreht, doch dann gehen Künzle oder einer seiner beiden Mitarbeitenden ans Detail: Die Ton-Körper werden von Hand geglättet und aufgeschönt, getrocknet, geschliffen, mit einem feuchten Schwamm «verschwammt» und schliesslich eine Nacht lang im Ofen gebrannt. «Fehler auf einer Urne sieht man bei Beerdigungen sofort», sagt Künzle. Vom Arbeitsbeginn bis zur Lieferung dauert der Ablauf für jede Urne knapp eine Woche. Deshalb werden immer Dutzende parallel produziert. Und Künzle muss auch auf Vorrat arbeiten: «Wenn einmal ein Flugzeug runterkommt oder eine Pandemie ausbricht, haben wir ja keine Wochen mehr um zusätzliche Urnen herzustellen.»

Keine Berührungsängste mehr

Das Geschäft mit den Urnen ist seit Jahren stabil. In Winterthur machen Kremationen mittlerweile rund 90 Prozent der Bestattungen aus, das entspricht dem Schweizer Trend. Jährlich werden am Rosenberg 2500 Feuerbestattungen durchgeführt (in Winterthur werden auch Einwohner der weiteren Region kremiert), und nicht einmal mehr 300 Erdbestattungen. Vor Hundert Jahren war das Verhältnis noch genau andersrum. Doch veränderte hygienische und gesellschaftliche Vorstellungen führten zur Trendwende.

In Zürich sieht die prozentuale Verteilung gleich aus wie in Winterthur, sagt Rolf Steinmann, Leiter Bestattungs- und Friedhofamt der Stadt Zürich. «Die Asche in einer Urne zum Beispiel zu Hause aufzubewahren oder die Asche in der Natur zu verstreuen, entspricht einem immer grösseren Bedürfnis.» Berührungsängste von Angehörigen spürt Steinmann fast keine mehr: «Die Familien sind kleiner geworden und örtlich flexibler und die religiöse Bindung ist nicht mehr so eng.» Zudem wollten die älteren Jahrgänge ihren Angehörigen finanziell nicht zur Last fallen. «All das spricht für eine Urnen-Bestattung.» Ein klarer Zusammenhang bestehe zur Popularität von Gemeinschaftsgräbern oder individuellen Bestattungen, bei denen eine Kremation ohnehin unumgänglich sei.

Rohstoff aus Einsiedeln

Die Bestattungsämter schätzen die Arbeit von Rolf Künzle in der Hard und loben die «regionale Verankerung und die hohe Qualität.» Und der Urnen-Macher selber sagt, er mache seine Arbeit «wirklich sehr gerne». Trotz der hohen Zahl an bestellten Standard-Urnen, sei es keine Fliessbandarbeit. Neben den Urnen, die je zur Hälfte in löslicher oder harter Form gewünscht werden, stellt Künzle in kleinen Stückzahlen auch spezielle Doppelurnen her. Auch zum Auftrag gehört die Fertigung von Kinder- oder Säuglingsurnen.

Künzle schätzt die Nähe zu seinen Abnehmern, und hält die regionale Verankerung auch beim Rohstoff ein: Sein Ton kommt aus Einsiedeln. «Das war ein bewusster Entscheid, auch wenn die Kosten höher sind als für Ton aus Deutschland», sagt Künzle. «Aber ich will Schweizer Ton. Man sollte, egal ob verbrannt oder im Sarg, in der hiesigen Erde gebettet sein.» (Der Landbote)

Erstellt: 06.01.2019, 16:25 Uhr

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