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Total spontan

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Auf meinem Weg zum Bahnhof komme ich an einem Coiffeurgeschäft und somit auch an dem Schild vorbei, das dort vor der Ladentür steht: «Wir lieben spontane Kunden» steht da drauf.

Solch eine Werbebotschaft ist bei mir eher vergeudet. Seit über zwanzig Jahren schneide ich mir das Haupthaar selbst und wer mich schon ohne Hut gesehen hat, weiss, dass das nicht viel zu tun gibt. Ich habe also kaum Grund für spontane Friseurbesuche. Und trotzdem muss ich jeden Morgen über dieses Schild nachdenken.

Denn was wird unter Spontanität hier eigentlich verstanden? Wenn ich in den Laden reinginge und kurzerhand anfangen würde, dem Herrn, der vor dem linken Spiegel auf seine neue Frisur wartet, den Bart zu shampoonieren und ihm eine Tonsur wie bei den Mönchen des Mittelalters zu schneiden, dann wäre das zweifellos sehr spontan.

Spontanität: ja gern, aber bitte nur so, dass ich jederzeit spontan auch entscheiden kann, wieder unspontan zu sein.

Aber ob man das in dem Geschäft auch wirklich derart lieben würde, wie es das Schild verspricht? Auch wenn ich über den Tresen tanzen und mit Schere und Bürste jonglieren möchte, was bei mir natürlich mangels artistischen Talents voll in die Hose gehen würde, müsste man mir doch zumindest einige Spontanität zugute halten. Aber ob das dem Personal wirklich Freude macht?

Die Spontanität, von der auf dem Schild die Rede ist, beschränkt sich vielmehr darauf, dass man im Laden fragen darf, ob man sich auch ohne bereits vorgängig verabredeten Termin hier die Haare schneiden lassen könne – eine wahrlich arg gezähmte Form von Spontanität also. Irgendwie aber auch ziemlich exemplarisch für unsere kontrollsüchtige Gegenwart: So eifrig wir auch das Lob der Spontanität anstimmen, so soll diese doch bitte ausschliesslich im Rahmen des Erwartbaren stattfinden.

Wenn in Datingshows die Kandidatinnen und Kandidaten von sich erzählen, ihnen sei in der Beziehung Spontanität wichtig, dann ist damit höchstens gemeint, dass einem das Gegenüber vielleicht mal überraschend einen Wochenendausflug nach Paris vorschlägt – diesen aber dann doch bitte mit der nötigen Reiseversicherung, falls man den Zug verpasst, der Buchungsnummer des Hotels und einer ausreichend gedeckten Kreditkarte. Spontanität: ja gern, aber bitte nur so, dass ich jederzeit spontan auch entscheiden kann, wieder unspontan zu sein, wenn mir die Spontanität zu anstrengend wird.

Dabei wäre es wahrscheinlich besser, wir würden lernen, Spontanität wenn nicht zu lieben, so doch wenigstens besser auszuhalten, weil das Leben uns ja damit andauernd konfrontiert, und zwar buchstäblich bis zum Schluss: Auch das Ende wird einmal kommen, ohne nach Terminplänen und Versicherungen zu fragen. Total spontan halt.

(Der Landbote)

Erstellt: 07.11.2018, 13:14 Uhr

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