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Tribüne

Durchlässige­ Grenzen

Am 1. August 1914 sollten zur Bundesfeier in Winterthur grosse Sommerfeste steigen. Daraus wurde wegen des Krieges nichts. Vor 100 Jahren veränderte sich das Zusammenleben der Menschen auch im alemannischen Grenzraum grundlegend: Der bis dahin freie Verkehr von Gütern, Menschen und Dienstleistungen endete abrupt. Die Grenzen wurden geschlossen und militärisch ­ge­sichert. Zwar verliessen noch zahlreiche Rüstungsgüter die Schweiz, aber der sogenannte «Kleine Grenzverkehr» kam nahe­zu zum Stillstand. Die deutschen Nachbarn mussten auf «Brissago», «Rössli»-Stumpen, Schweizer Teigwaren und Schokolade verzichten. Die Folge: Kreuzlingen und Konstanz wurden grosse Schmuggelzentren, gesteuert von Schieberbanden aus Zürich und Berlin. Die Deutschschweiz zeigte Sympathie für die deutschen Kriegserklärungen. Der «Landbote» schrieb am 7. August 1914, es sei schwer zu fassen, dass sich das «geistig hochstehende Frankreich dazu hergeben konnte, der brutalen imperialistischen Politik Russlands zu Hilfe zu kommen».

Die deutschfreundliche Haltung änderte sich, je erbitterter der Krieg von der deutschen Militärkaste geführt wurde, je unversöhnlicher bizarre Kriegsziele her­austrompetet wurden. Nach dem Krieg machte die Schweiz die Schotten dicht: Zum ersten Mal prägte das Wort von der «Überfremdung» des Landes die öffentliche Debatte. Deutsche Zuwanderer waren nicht mehr willkommen, man fürchtete eine Infiltration durch Linksradikale. Doch der «Kleine Grenzverkehr» lebte wieder auf: 1921 mussten Konstanzer Geschäfte zeitweise schliessen, weil die Schweizer Kundschaft die Regale leer geräumt hatte. Hitlers Diktatur beendete das freundnachbarliche Zusammenleben, mit Wirkungen über 1945 hinaus.

Heute strömen an manchen Samstagen 30 000 Schweizer über die nahe Grenze, um einzukaufen. Junge, gut ausgebildete Deutsche arbeiten in Schweizer Unternehmen. Unternehmerisch denkende Zürcher erwerben ­ am deutschen Bodenseeufer Seegrundstücke und gründen Firmen im EU-Raum. Die Freiheitsrechte unserer Demokratien haben aus jungen Menschen moderne Noma­den gemacht, die den An­geboten an Jobs und Wohnraum folgen. Zwar reagierte die Schweiz mit der Annahme der Einwanderungsbegrenzungs-Initiative darauf, doch das tägliche Zusammenleben lässt sich dadurch (bisher) kaum beirren. Die Grenzen sind dank unserer freiheitlichen Verfassungsordnungen wieder durch­lässig für Menschen, Güter und Ideen: Das ist eine wunderbare Tatsache, an die ich zum ­ 1. August 2014 dankbar erinnern möchte. Tobias Engelsing

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