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Tribüne

Freizeit ist Freuzeit

Dieses Jahr hat es sich ­besonders gut angefühlt, und zwar, weil meine Wohnung in den letzten Monaten genauso gelitten hat wie ich. Wegen unseres Filmprojekts «Bild mit Ton» haben wir beschlossen, die Postproduktion einfachheitshalber in meine Wohnung zu verlegen. Dies bedeutete konkret, dass meine beiden Mitarbeiter seit November quasi bei mir wohnten und dass um die 50 Journalisten, Schauspieler und Sprecher (unter anderem auch Kolumnen-Kollege Beni Thurnheer) bei mir ein und aus gingen. Es bedeutete ausserdem, dass ich mich gelegentlich auf dem Badezimmerboden vorfand, um zu texten und Ruhe zu finden, da eine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung halt lediglich über zweieinhalb und nicht über drei Zimmer verfügt. Die Abnutzung war bei meiner Wohnung genauso zu beobachten wie bei mir. Ein leiser, aber stetiger Zerfall. Bei meiner Wohnung: drei Lampen, zwei Türklinken, ein Mülleimer, zehn Gläser, ein Backofen. Bei mir: kaputter Retainer (Draht hinter den Zähnen), Gewichtsverlust, Sodbrennen und hin und wieder ein Nervenzusammenbruch. Aber ich bin wieder auf dem aufsteigenden Ast, nun ist es ja sauber, die Lampen sind geflickt, und ich war gar schon beim Friseur. Es kann ­Ruhe einkehren. Alles kann neu sortiert und überdacht werden, das Loch, in das ich allenfalls fallen könnte, darf mich einsaugen oder auch nicht. Davor habe ich keine Angst, wenn es kommen will, dann empfange ich es sogar herzlich. Die wunderschöne Frage, die ich mir jetzt jedes Mal nach dem Aufwachen stellen kann, ist: Was tue ich heute? Da sind natürlich Verpflichtungen wie Studium, Haare waschen, der Mutter beim aktuellen iPhone-Problem helfen, Geld verdienen und Kolumnen schreiben. Aber es gibt auch jeden Tag ein paar Stunden Freizeit. FREIZEIT! Diese besteht im Moment hauptsächlich darin, in meiner Badewanne zu liegen und Filme zu schauen. Manchmal bade ich auch zwei- oder dreimal am Tag. Bis sich die weissen «Schrumpel» von meiner Haut lösen und mit mir im lauwarmen Wasser herumschwimmen. Wenn es möglich wäre, würde ich auch diese Kolumne in der Badewanne schreiben. Stattdessen liege ich gerade im Bett, aber das ist ja auch so ­etwas wie Arbeit und keine Freizeit. So, jetzt muss ich aber Haare waschen und meine Mutter anrufen, um ihr zu erklären, dass ein aktiviertes «Bluetooth» nichts Gefährliches ist, was dann kommt, wissen Sie ja jetzt. Freizeit ist Badewanne und Badewanne ist Freuzeit. Petri Heil!

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