Zum Hauptinhalt springen

Tröpfchenweise auf den Weltmarkt

Höhere Erträge bei tieferem Wasserverbrauch? Ein neues Bewässerungssystem aus Russikon soll es möglich machen. Die Entwicklung hat gute Chancen, sich weltweit in der Landwirtschaft durchzusetzen.

Früher konnte es auf dem Illnauer Familienbetrieb Vollenweider schon vorkommen, dass die Erdbeeren etwas viel Wasser abkriegten. Sämtliche Wasserhähne mussten von Hand auf- und zugedreht werden. «Ab und zu ging einer vergessen», erinnert sich Patrick Vol­lenweider. Später setzte die Familie deshalb auf eine Bewässerungsanlage mit Zeitschaltuhr, die jedoch dazu tendierte, zu viel Wasser zu geben. Schliesslich lief sie jeden Tag gleich lange, egal ob es regnete oder die Sonne schien. Diesen Mangel macht das neuartige System wett, das Vollenweider vor zwei Jahren angeschafft hat. Heute entscheidet nämlich ein intelligentes, selbstlernendes System, ob und wie viel auf dem Illnauer Talacherhof bewässert wird. Die Grundidee: Sensoren messen im Boden die Feuchtigkeit und die Temperatur und melden die Daten via Funk einem Bewässerungscomputer. Dieser errechnet die nötige Wassermenge und dreht den Hahn auf. «Damit lässt sich viel präziser wässern», sagt Vollenweider und nennt das Beispiel der Himbeere, die «nicht gerne nasse Füsse hat». Dank des neuen Systems wird der optimale Feuchtebereich eingehalten. Fällt die Feuchtigkeit unter eine gewisse Schwelle, dann fliesst Wasser – und zwar exakt so lange, bis ein oberer Zielwert erreicht ist. Bei den Himbeeren sei dieses «Band» relativ eng, erklärt Vollenweider. Sie würden mehrmals am Tag relativ kurz bewässert, im Gegensatz etwa zu einem Apfelbaum, der viel besser Wasser speichern kann.

Mensch überwacht nur noch

Der grosse Vorteil dieser Technologie sei, dass er sowohl Wasser als auch Zeit sparen könne, so Vollenweider. Er spiele nur noch die Rolle des «Überwachungsorgans», das nur dann ausrücken muss, wenn ein Ventil versagt oder eine Pumpe ausfällt. Jede Störung im System wird ihm sofort per SMS gemeldet.Entwickelt wurde diese vollautomatische Agrartechnologie von dem Physiker Walter Schmidt, Chef der Firma PlantCare in Russikon. Er hatte vor neun Jahren auch die rund drei Zentimeter langen Sensoren erfunden. Diese werden heute vom deutschen Max-Planck-In­sti­tut für Molekulare Pflanzenphysiologie ebenso verwendet wie vom Saatgutkonzern Syngenta, der damit Felder von China bis Kalifornien überwachen kann. Der Aufwand für das Bewässerungssystem sei für Bauern relativ gering, sagt Schmidt. Pro Kultur genügten zwei bis drei Sensoren, die die Bodenfeuchtigkeit messen. Sie werden 10 bis 30 Zentimeter tief in den Boden gesetzt, je nach Länge der Pflanzenwurzeln, und im Herbst wieder herausgeholt. Die Sensoren sind weltweit patentrechtlich geschützt, die Software erst in Europa. In den USA und weiteren fünf Ländern sei das Verfahren im Gange, sagt Schmidt. Derzeit wird die Bewässerungsanlage auf mehreren Betrieben im Thurgau, Aargau, dem Berner Seeland und vor allem in der Umgebung von Russikon eingesetzt. So etwa auch im Strickhof in Lind­au oder in einem Biobetrieb in Brütten. «Wir erhalten von den Landwirten immer wieder wertvolle Inputs», sagt der 69-jährige Schmidt. So sei für die Seeländer Landwirte, deren Felder zum Teil weit verstreut liegen, die Funkreichweite der Sensoren erhöht worden – von 200 Metern auf 30 Kilometer. Für Schmidt ist klar, dass sich mit dieser Technologie nicht nur Wasser sparen, sondern auch der Ertrag steigern lässt. «Eine Überbewässerung wird verhindert, und es wird kein Dünger ausgewaschen», sagt er. Das führe auch zu gesünderen Pflanzen. Erste Forschungsergebnisse geben ihm recht. Im Rahmen einer Bachelorarbeit der ZHAW Wädenswil wurde das System kürzlich an Auberginen getestet. Resultat: Der Computer brachte 30 Prozent mehr Ertrag, sparte 50 Prozent Wasser, und die Auberginen wiesen erst noch keine Schädlinge auf.

Partner gesucht

Der Bewässerungscomputer soll nun an zehn verschiedenen Feldfrüchten unter Praxisbedingungen getestet werden. Die Experimente werden vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) unterstützt und von der Forschungsanstalt Agroscope Wädenswil und dem Inforama in Ins bei Biel durchgeführt. Doch auch wenn die Forscher den Nutzen des Systems bestätigen: Es ist noch nicht ­sicher, ob bei Schmidts PlantCare die Kassen klingeln werden.Zwar ist das Agrargeschäft ein globaler Boommarkt, und die holländische Rabobank – die diese Schweizer Erfindung als einen «game changer» auf dem Gebiet der Agrarbewässerung bezeichnet – hat abgeklärt, dass sich mit Schmidts ­Bewässerungstechnik weltweit riesige Umsätze im Bereich von Hunderten Millionen Franken generieren lassen. Doch alleine wird die Firma aus Russikon das Potenzial nicht ausschöpfen können. Schmidt: «Wir sind deshalb auf der Suche nach Partnern.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch