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Trotz allem weiterleben Dar­über reden – Perspektiven nach Suizid: Lyrik und Prosa von Hinterbliebenen

Wie fasst man wieder Mut, nachdem sich ein nahestehender Mensch das Leben genommen hat? Ein Zürcher Seelsorger hat Texte von Betroffenen gesammelt, die sich dieser schweren Aufgabe stellten.

«Mein Vater ist vor zwei Jahren gestorben. Bis jetzt habe ich es immer noch nicht verdaut. Er hat sich von einer Brücke gestürzt. Er wollte nicht mehr leben.» Das sind die Worte von Nadia L., einer heute 30-jährigen Frau, die vor wenigen Jahren ihren Vater beerdigen musste. Die Worte stehen am Anfang eines Textes, in dem die Tochter beschreibt, wie es sich anfühlt, wenn ein nahestehender Mensch mitten im Leben freiwillig den Tod wählt. «Ich frage mich, wie mein Leben jetzt weitergehen soll», schreibt sie. «Was hat denn das alles noch für einen Sinn?» Nadia L. ist eine von vielen Autorinnen und Autoren, die zu Wort kommen im kürzlich erschienenen Buch «Dar­über reden – Perspektiven nach Suizid». Allen Schreibenden gemein ist die Erfahrung einer Selbsttötung in der Familie oder im Freundeskreis sowie der Versuch, das Erlebte in Worte zu fassen. Entstanden sind fast 50 sehr persönliche Berichte. Manche sind in Verse gefasst und nur wenige Zeilen lang, andere ziehen sich als Prosa über mehrere Seiten hin. Die Texte sind so individuell wie die Geschichten dahinter. Und doch gibt es viele Parallelen. Verlassen, betrogen, verraten Ein Suizid, das wird bei der Lektüre schnell klar, löst bei den Hinterbliebenen nicht nur Trauer aus. Meist machen sich nach dem ersten Schock vor allem Gefühle der Ohnmacht und der Hilflosigkeit breit. Und immer stellt sich die grosse Frage: warum? «War­um hast du mir nicht vertraut? War­um hast du mir nie gesagt, welcher Schmerz in dir brodelte?», schreibt eine Frau, deren Mann sich für sie völlig überraschend das Leben genommen hat. «Der Gedanke macht mich verrückt, dass ich unser gemeinsames Leben als wunderbar empfand und du davor flüchtetest.» Viele Angehörige empfinden auch eine grosse Wut darüber, allein gelassen zu werden in einer schrecklichen Si­tua­tion. Nadia L. schreibt an ihren Vater: «Du hast mal geäussert, du wärest das Problem und ohne dich wäre alles viel einfacher. Da hast du dich getäuscht. Weil du nicht mehr da bist, fangen die Probleme erst an.» Ähnliches formuliert eine Frau, deren Mann sich mit 52 Jahren aus einer Depression heraus erhängte: «Du schreibst im Abschiedsbrief, dass du wüsstest, was du uns damit antust. Ungeheuerlich, es trotzdem zu tun. Ich fühle mich immer wieder verlassen, betrogen, verraten …» Vorwürfe richten Angehörige meist nicht nur an den Verstorbenen, sondern auch an sich selbst. Viele fühlen sich mitverantwortlich für den Tod, weil sie ihn nicht verhindert haben. «Meine Schuldgefühle zermalmten mich. Das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben, wo ich doch versuchte, dir zu helfen. Schuldig, schuldig, schuldig, das haftete so fest in meinem Kopf», schreibt eine Tochter an ihre tote Mutter. Schwerstarbeit für Angehörige Gesammelt und herausgegeben hat die Texte Jörg Weisshaupt, Seelsorger und Jugendbeauftragter der reformierten Kirchen der Stadt Zürich und Mitglied des kantonalen Kirchenparlaments. Im Vorwort schreibt er, das Verarbeiten eines Suizids sei oft Schwerstarbeit. Statistiken belegen, dass Menschen, die im nahen Umfeld eine Selbsttötung erlebt haben, ebenfalls ein erhöhtes Suizidrisiko haben. Auch das kommt in den Texten zur Sprache: «Es ist nicht zum Aushalten», schreibt eine Frau. «Ich möchte sterben. So oft überlege ich mir, den gleichen Schritt wie du zu wagen.» Es gibt Kinder, Eltern, Ehepartner, die nicht nur jahre-, sondern jahrzehntelang mit dem Suizid eines Angehörigen hadern. In Weisshaupts Buch zeugen davon eindrücklich die Auszüge aus dem Tagebuch einer 31-Jährigen, die mit Mitte zwanzig anfing, den Selbstmord ihres Vaters aufzuarbeiten, den sie als Neunjährige miterlebt hat. Die Aufarbeitung ist ein langer Weg mit Medikamenten, Therapien und Klinikaufenthalten. Und doch klingen ihre Aufzeichnungen zum Schluss zuversichtlich. «Mir ist klar, dass ich wohl noch nicht am Ende der schweren Zeit bin, und die Ängste werden mir im Nacken bleiben. Aber ich weiss, dass ich es schaffen kann.» Diese Erkenntnis haben sich viele der Autorinnen und Autoren erkämpft. Sie haben gelernt, dass sie trotz schmerzhafter Wunden weiterleben können. Dabei habe ihnen nicht zuletzt das Schreiben geholfen, sagt Herausgeber Weisshaupt. Er hofft, dass das Buch zweierlei Wirkung entfaltet: Erstens soll es anderen Betroffenen zeigen, dass sie mit ihrem Kampf nicht alleine sind, und ihnen so Trost spenden. Zweitens aber soll es helfen, auch Aussenstehenden das Sprechen über das Thema Suizid zu erleichtern. Das ist auch im Sinne der Betroffenen, wie Nadia L. schreibt: «Viele meiner Mitmenschen wissen nicht, wie sie mit mir dar­über reden sollen. Deshalb sprechen sie das Thema schon gar nicht an. Obwohl ich mir nichts mehr wünschen würde. Ein Zeichen, dass jemand mitfühlt.» «Darüber reden - Perspektiven nach Suizid: Lyrik und Prosa von Hinterbliebenen», Herausgegeben von Jörg Weisshaupt, Verlag Johannes Petri, erhältlich für 24 Fr. im Fachhandel

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