Zum Hauptinhalt springen

Trotz Urteil bleiben die Kinder in Tunesien

Der Tunesier, der 2010 seine beiden Söhne entführt hat, muss sechs Jahre ins Gefängnis. Am Umstand, dass die Kinder ohne Mutter aufwachsen, ändert aber das Urteil des Obergerichts vorerst nichts.

Etwa alle drei Monate reist die Winterthurerin nach Tunesien, um ihre nun sechs- und achtjährigen Söhne zu sehen. Vor mehr als zwei Jahren hatte ihr Noch-Mann die beiden entführt und in sein Heimatland gebracht. Seither leben sie bei dessen Eltern. Deutsch hätten sie inzwischen verlernt, sagt die 30-jährige Schweizerin vor dem Obergericht. Ein paar Sätze, die sie ihren Kindern unbedingt sagen will, studiere sie jeweils vor ihren Besuchen auf Arabisch ein. Von einer «massiven Entfremdung» spricht deshalb der Vorsitzende Oberrichter. «Und diese wird mit anhaltender Dauer immer grösser.»

An der gestrigen Berufungsverhandlung vor dem Zürcher Obergericht ist die Entführung an sich aber kein Thema. Denn der 35-jährige Angeklagte bestreitet diesen Vorwurf – wie auch jenen der Drohung und Erpressung – nicht. Der Schuldspruch des Winterthurer Bezirksgerichts ist damit rechtskräftig. Vor Obergericht geht es einzig noch um die Strafe. Das Bezirksgericht hatte eine hohe Freiheitsstrafe von acht Jahren verhängt. Das ist zu viel für den Tunesier, der sich – trotz seines Schuldeingeständnisses – als Opfer sieht.

Dass er etwas falsch gemacht hat, sieht der Tunesier auch vor Obergericht nicht wirklich ein. Er macht vielmehr eine Kurzschlusshandlung geltend. So habe ihm seine Frau angedroht, das Besuchsrecht zu verweigern. Um nicht alles zu verlieren und seine Kinder weiter sehen zu können, sei er mit ihnen nach Tunesien gereist. Und von einer wirklichen Entführung will er eigentlich auch nicht sprechen: «Die Mutter kann ihre Kinder jederzeit in Tunesien besuchen.» Für das Obergericht ein «zynisches Argument». Zumal der Vater und dessen Eltern die Besuche nur im Innern des Hauses zuliessen – so könne zwischen Mutter und Kindern keine Bindung aufrechterhalten werden.

Wenig Verständnis zeigt das Gericht auch für die Aussagen des Angeklagten, er könne sich eine Rückkehr der Kinder in die Schweiz vorstellen. Dies aber nur, wenn drei Forderungen erfüllt seien. «Ich will mehr Respekt von meiner Frau und den Behörden, ich will Freiheit, ich will eine Aufenthaltsbewilligung.» Bedingungen könne er nicht stellen, hält der Vorsitzende Oberrichter unmissverständlich fest. Am Prozess gehe es darum, seine Taten strafrechtlich zu behandeln.

Und für diese findet der Richter in der Urteilsbegründung klare Worte. Der Angeklagte habe aus rein egoistischen Motiven gehandelt und klassische Selbstjustiz ausgeübt. Er spricht auch von «eklatanter Uneinsichtigkeit»: Schritte, die Entführung zu beenden, habe der Angeklagte nie unternommen. Vielmehr habe er in Tunesien erwirkt, dass die Kinder ohne seine Einwilligung nicht reisen dürfen.

Das Obergericht reduziert die Strafe der Vorinstanz um zwei auf sechs Jahre. «Das ist dennoch eine lange Strafe», sagte der Richter. Zumal eine vorzeitige Entlassung angesichts des uneinsichtigen Verhaltens nicht in Frage kommen werde. Und da die Entführung noch andauere, könne die Staatsanwaltschaft jederzeit eine neue Anklage einreichen. «Dann erhöht sich die Strafe.»

Der 35-Jährige muss nun zwar mindestens für vier Jahre ins Gefängnis (zwei Jahre sitzt er bereits). Doch solange er nicht einlenkt und sich einsichtig zeigt, bleiben die Kinder in Tunesien. Und die Mutter muss weiterhin alle drei Monate reisen, um sie zu sehen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch