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TV-Casting am historischen Webstuhl

Für eine neue Sendung sucht das Schweizer Fernsehen Familien, die während dreier Wochen in die Welt des Tösstals im Jahr 1914 eintauchen wollen. Gestern stellte sich die fünfköpfige Familie Diener aus Bauma dem anspruchsvollen Casting.

Aktivferien ohne Luxus und Technik will die Familie Diener aus Bauma heuer machen. «Ich sagte Anfang Jahr: Wir gehen auf die Alp», erzählt Vater Martin, bekannt als Moderationschef von Radio Zürisee. Dann stolperten die Dieners aber über die Ausschreibung des Schweizer Fernsehens für eine Familie, die knapp drei Wochen als Arbeiterfamilie in einem Kosthaus wie vor 100 Jahren leben soll. «Wir meldeten uns sofort an», sagt Mutter Sara. Die Meinung der Kinder sei kein Thema gewesen. «Wir Eltern haben entschieden.» Die drei Kinder, Nina (6), Manuel (8) und Pascal (10), scheinen nichts dagegen zu haben. Es ist Sonntagnachmittag, im Industrieensemble Neuthal bei Bäretswil findet das SRF-Casting statt. Ob Fabrik oder Alp: Die Kinder mögens aktiv. Sie sind aufgeschlossen, plaudern mit jedermann und beschäftigen sich in Wartezeiten selber. Zunächst gilt es für die Dieners, ein Formular auszufüllen. «Konfektionsgrösse?», fragt Papa Martin. «Keine Ahnung.» Junior Manuel sagt: «Schreib einfach 399.» Pragmatismus liegt der Familie im Blut. Frauen mussten in die Fabrik Mutter Sara hat mehr als nur einen pragmatischen Zugang zur Textilindustrie. «Als Handarbeitslehrerin fasziniert mich das. An einem Webstuhl konnte ich bis heute nie arbeiten.» Die Grundidee des Webens kennt sie aber. Kein Wunder also, dass sie bei den folgenden Tests am Webstuhl kaum Fehler macht. Doch zunächst muss die Familie für ein Foto posieren. Die Kinder wollen die Augen verdrehen, Grimassen ziehen. Der Fotograf lässt sie gewähren, ringt ihnen aber auch ein normales Bild ab. Dann gehts zum Test an der Maschine. Martin ist kribbelig. «Wäre ich ein nicht emanzipierter Mann wie vor 100 Jahren, würde das heissen: Arbeiten, dann auf ein Bier in die Beiz, während die Frau zu Hause kocht.» Dennoch tritt seine Frau als Erste zum Einfädeln an. Denn auch sie müsse arbeiten, sagt sie. «Frauen konnten damals früher in den Mittag, um zu kochen. Dafür hatten sie nachmittags keine Pause.» Die kurzen Erklärungen der Instruktoren genügen ihr, um einen perfekten Job in relativ kurzer Zeit zu machen. Danach muss Papa Martin ans Werk. Auch bei ihm nicken die Instruktoren anerkennend. Der Radiomoderator scheint Fadenarbeit im Blut zu haben. Der nächste Posten ist auch eine Einfädelübung. Nun aber auf Zeit. Im Hintergrund laufen zwei Sanduhren als Simulation zweier Webstühle, denen abwechslungsweise alle drei Minuten der Faden ausläuft und die rechtzeitig gestoppt werden müssen. Multitasking ist gefragt. In dieser Sache hat die Frau die Nase vorn. Nur einmal läuft die Sanduhr unbemerkt ab, dann weiss Sara Diener, wie viele Stränge sie pro 90 Sekunden einfädeln kann. «Vier bis sechs», sagt sie. Bei Martin läuft die Zeit gleich zweimal unbemerkt aus. Der Instruktor kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Kampf mit den Schiffchen Doch der absolute Härtetest steht noch aus: Am laufenden Webstuhl mit Baujahr 1890 geht es um Präzision und Muskelkraft. Das Einschalten der lärmenden Maschine ist schon mal relativ knifflig. Nach drei Anläufen gelingt es Martin Diener. Das Abschalten ist noch happiger, denn das Schiffchen soll links im Kasten liegen, wenn die Maschine stoppt. Beim Tempo der hin- und herflitzenden Holzschiffchen scheint das fast unmöglich. «Jeder muss seinen eigenen Rhythmus finden», sagt der Instruktor. Nach knapp einem Dutzend Versuchen hat Martin seinen gefunden. Bei Sara reicht es in der verbleibenden Zeit nicht. Es ist fast 17 Uhr, das Casting geht langsam zu Ende. Die Familie wird zurück in die Fabrikantenvilla geschickt, wo sie einen Fragebogen beenden muss. Ob die Dieners den Einzug ins begehrte Kosthaus schaffen, wird sich in den nächsten Tagen herausstellen. «Wenn sie uns nehmen, gehen wir auch», sagt Sara Diener. «Obwohl es sehr streng werden dürfte. Zwölf Stunden am Tag an diesen Maschinen. Puh.» Und das sei auch gerade das Einzige, worauf man sich bisher konkret einstellen könne, fügt Martin Diener an. Vieles ist noch offen. «Was passiert mit den Kindern? Wie wird gekocht? Erhalten wir Ohrenstöpsel für die Arbeit?»

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