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Überirdisches Erkennen

winterthur. Georg Gerster (*1928) betrachtet die Welt von oben und gewinnt dabei neue Perspektiven. In der gestern Abend eröffneten Ausstellung in der Fotostiftung Schweiz zeigt er unvergleichlich schöne Flugbilder, bei denen es um das Thema Welternährung geht.

Er hat Augen – er findet die nötigen Worte für das, was er gesehen hat –, er weiss, was er tut. Und er hebt ab, seit Jahrzehnten hebt er ab in die Lüfte, auch im fortgeschrittenen Alter noch: Georg Gerster, Pionier der Flugbildfotografie. 1928 wurde er in Winterthur geboren, am 30. April wird er 85 Jahre alt. Vor 50 Jahren, so kann man es nachlesen, hat er «im Sudan den besonderen Reiz der Flugfotografie» entdeckt. Seither hat Georg Gerster, der nach einem Germanistik- und Anglistikstudium einige Jahre als Wissenschaftsredaktor und danach als freier Publizist gearbeitet hat, die ganze Welt bereist; weit über hundert Länder sind es mittlerweile. Nun ist er nach Winterthur zurückgekehrt und zeigt in der Fotostiftung 50 Arbeiten, die er zusammen mit Direktor Peter Pfrunder ausgewählt hat.

Augenweiden

Jedes dieser grossformatigen Werke ist ein lebendiger Beweis für die Erfahrung, die Gerster tausendfach gemacht hat: «In dem Moment, wo man abhebt, verändert sich die Erde absolut dramatisch», vor allem, weil sich über dem Boden Dinge erschliessen, die einem sonst verborgen bleiben. Lauter Dinge, die mit dem Menschen zu tun haben. Mit dem, was er tut und was er getan hat, mit den Spuren, die er der Landschaft, der Erde überhaupt einschreibt, mit den positiven und negativen Folgen seines Tuns und Lassens.

Hat Gerster bei anderen Gelegenheiten archäologische Stätten, griechische Inseln, persische, rumänische, ungarische und natürlich auch Schweizer Vergangenheit aus der Luft fotografiert, so sind «Bilder von Agrarlandschaften» schon immer sein «besonderes Anliegen». Er bezeichnet sie deshalb «heute gerne als das Filetstück meines Werks», wie er in seinem kurzen Katalogtext unter dem Titel «Augenweide» schreibt.

Augenweiden, Rätsel- und Ratebilder, Oberflächen- und Musterwunder, mehr oder weniger abstrakte oder auf bestimmte Töne und Formen komponierte Bildwerke: Es ist die unglaubliche Schönheit der Erde, ihre Verwandlung, wenn man sie aus anderer Perspektive betrachtet, die es Gerster angetan hat. Der Mann, der in Ausstellungen und Büchern, Zeitungen und Zeitschriften publiziert und während Jahren das Gesicht der Swissair mitgeprägt hat, glaubt an diese Schönheit, weil sie beweglich ist und bewegt, weil sie erhellend ist. Die Schönheit von Georg Gersters Flugbildern ist eine de­mon­stra­tive Schönheit. Zumindest, wenn man sich nicht nur dem Bildgenuss hingibt, womit man dem Autor dieser Werke allerdings nicht gerecht würde. Denn der weiss, was er gesehen hat, und versieht seine Fotografien mit meist ausführlichen Bildkommentaren, in ganzer Länge nachzulesen im handlichen Katalog, auf den man spätestens beim zweiten Gang durch die Ausstellung nicht verzichten sollte.

Gedankenflüge

«Wovon wir leben» zeigt Bilder aus rund 20 Ländern; das älteste (vgl. Abb.) ist 1966 entstanden, das jüngste 2008. Sie alle stehen hier im Kontext von Fragen der Landnutzung, des Umgangs mit den Ressourcen, die für die ständig wachsende Weltbevölkerung zur Verfügung stehen. Wir sehen Bilder von nachhaltiger und industrieller Nutzung, sehen Landschaften, mit denen sorgsam umgegangen wird, und solche, die ausgebeutet werden – die ausgebeuteten, in denen etwa der Spiegel des Grundwassers sinkt und der Salzgehalt steigt, sind dar­um nicht weniger ästhetisch. Gerster ist sich des Zusammenhangs von Ästhetik und Nutzungsproblematik sehr bewusst. Seine Flugbilder seien immer eine Art Gratwanderung zwischen Abstraktion und Information. Doch erst die Ab­straktion mache das Bild zu dem, was es ist, sodass sich ein bleibendes Bild ergibt: eine «Starthilfe für Gedankenflüge», «ein Werkzeug des Nachdenkens».

Und dass die Sache dabei immer menschlich bleibt, dafür sorgt die Eigenart dieses engagierten Fotografen, der immer auf Erkenntnis aus ist: Georg Gersters Markenzeichen ist, dass er in seinen Bildern auf den Horizont verzichtet und aus der Aufsicht fotografiert. Aber nicht aus vollständig vertikaler Aufsicht: Denn sonst, so meint er, würde die Landschaft entfremdet – sie würde die Beziehung zum Mensch- lichen verlieren.

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