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Ulysses an der Limmat

Ein erster Blick auf das Festspieljahr 2014: Fritz Senn, der Leiter der Zürcher James-Joyce-Stiftung, erhält den Festspielpreis. Erstmals wird mit dem 85-jährigen Forscher eine Persönlichkeit aus dem Bereich Literatur in Zürich geehrt.

Die Zürcher Festspiele 2014 stehen unter dem Titel «Prometheischer Geist – Entfesselung der Kräfte». Mehr zum Programm verriet Elmar Weingarten, der Intendant der Festspiele, gestern beim Mediengespräch noch nicht. Das «Prometheische» jedoch münzte er auf den Prot­ago­nis­ten der gestrigen Veranstaltung, auf Fritz Senn, den Joyceianer. Joyce-Leser und -Forscher, den Leiter der Zürcher James-Joyce-Stiftung, der den mit 50 000 Franken dotierten Festspielpreis erhält. Nach dem Musiker und Komponisten Heinz Holliger, den Regisseuren Luc Bondy und Peter Stein, dem Komponisten György Kurtág, dem Sänger Matti Salminen, dem Choreografen Heinz Spoerli sowie der Videokünstlerin Pipilotti Rist rücken die Festspiele mit ihm erstmals eine Figur aus dem literarischen Elfenbeinturm ins Rampenlicht, der das Rampenlicht nicht gerade sucht. Kreativer Fussgänger «Prometheischer Geist» würde Senn wohl allenfalls für Joyce gelten lassen, für sich selber drückte er sich so aus: «Ich freue mich über die Anerkennung sekundärer, wenn auch nicht unkreativer Beschäftigung mit Literatur – und vor allem darüber, dass damit auch die Zürcher James-Joyce-Stiftung ins Licht gerückt wird.» Die bescheidene Selbsteinschätzung in seiner Stellungnahme ergänzte Senn im Gespräch, das der Germanist und Publizist Werner Morlang mit ihm führte, mehrfach. Er sei ein «Fussgänger-Philologe», meinte er. Nicht die bei Joyce anknüpfenden oder über ihn kursierenden Literaturtheorien würden ihn primär interessieren, was ihn antreibe, sei die Neugier zu wissen, was im Text steht. Diese Neugier sei eine menschliche Grundeigenschaft: «Der Mensch ist ein semantogenetisches Tier», sagte er und relativierte zugleich. «Intellektueller Imperialismus» sei nicht seine Sache, das Nichtverstehen gehöre zu den wesentlichen Erfahrungen der Joyce-Lektüre. «Wir wissen nicht, war­um wir tun, was wir freiwillig tun», meinte Senn auf die Frage, wie er zu Joyce gekommen sei. Es war einfach so: Das Anglistikstudium liess er sausen, bei Joyce ist er geblieben, als «Amateur» heisst es im Pressetext, mit professioneller Ausschliesslichkeit, belegt Senns Lebenslauf, und dafür wird er nun geehrt: Fritz Senn habe mit seiner Forschung und Vermittlung wesentlich dazu beigetragen, die Bedeutung von James Joyce als einem der wichtigsten und wegweisendsten Autoren des 20. Jahrhunderts ins internationale Bewusstsein zu rufen. Wie Senn zu dieser Rolle kam, ist wesentlich auch Zürcher Lokalgeschichte. James Joyce (1882–1941) selber weilte dreimal in Zürich, erstmals für wenige Tage im Oktober 1904. Von 1915–19, zur Zeit des Ersten Weltkriegs, fand er hier Zuflucht. Bei wenigen Wochen blieb es beim dritten Aufenthalt. Als die Wehrmacht in Frankreich einmarschierte, suchte er wiederum Schutz in der Schweiz. Am 13. Januar 1941 starb er nach einer Operation in Zürich. Joyce-Pub und -Stiftung Lokalgeschichte ist auch die Eröffnung des Zürcher James-Joyce-Pubs, dessen gesamte Einrichtung in Dublin ersteigert worden war, im Jahr 1979 und in verwickeltem Bezug dazu die Gründung der James-Joyce-Stiftung 1985. Damit fand Senns private Joyce-Bibliothek einen rechtlichen Status und einen Ort, zuerst in einer Wohnung an der Augustinergasse, ab 1989 im Strauhof. Hier entwickelte sie sich unter seiner Leitung zur europaweit wichtigsten Forschungsbibliothek zu Joyce, die von Fachleuten aus der ganzen Welt frequentiert wird. «Alles, was geschieht, ist mir zugefallen», kommentiert Senn diese Geschichte, und sein Glück war auch, dass die «Aktie Joye» nie gefallen ist – auch in Zürich nicht. Im Gegenteil. Die Stiftung und ihr Leiter entfalteten eine beachtliche Wirkung vor Ort. Weingarten lobte Senn für seine unermüdliche Vermittlungsarbeit, die den als schwierig geltenden Autor auf witzige, geistreiche und alles andere als überheblich wissende Art auch den Nichtspezialisten näherbringe. Auch im Rahmen der Zürcher Festspiele habe das Team der James-Joyce-Stiftung bereits mehrfach federführend an Projekten mitgewirkt, zuletzt 2012 in der Veranstaltungsreihe «Ulysses an der Limmat: Stationen einer Odyssee».

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