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Umerziehung auf Chinesisch

peking. Chinas Arbeitslager sollen abgeschafft werden, sagt Chinas Kommunistische Partei. Lager, die Menschen wie Ye Jinghuan und Hua Yong Lebensjahre raubten.

Plötzlich springt sie auf. Läuft zum Fenster, kommt wieder zum Stuhl zurück. Sie presst die Knie aneinander, legt die Hände straff auf die Oberschenkel, beugt den Kopf nach vorne. «Nach zehn Minuten fängt der Arm an wehzutun», sagt sie. «Später die Schulter, dann der ganze Körper. Alles tut dir weh. Alles.» Sie schliesst die Augen. Ist sie wieder dort? In Daxing, am südlichen Ende von Peking? Einem unscheinbaren Gebäude, aus dem sie nicht herausschauen kann, obwohl es Fenster gibt? Wo sie die Luft nicht riecht, den Wind nicht spürt, ein Jahr und neun Monate lang? Denkt sie an die Dunkelheit? An die Schreie der Aufseher? Die Tritte? Daran, wie ihre Blase drückt, sie aber nicht aufstehen kann, nicht aufstehen darf, um auf die Toilette zu gehen? «Wie Menschen behandeln wir euch, nicht wie Hunde», hatten die Aufseher zu ihr gesagt. «Menschen können ihre Bedürfnisse kontrollieren.» Sie konnte es nicht.

Mehr als 1400 Gefängnisse

Ye Jinghuan kommt immer wieder auf die Hygiene zurück, es ist ein Leitmotiv ihrer Erzählung über die Zeit im Umerziehungslager in China, einem willkürlichen System, das Chinas Kommunistische Partei nun abschaffen will. Das haben die Funktionäre auf dem sogenannten Dritten Plenum des Zentralkomitees der Partei beschlossen. «Die machen es sich zu einfach!» Yes Stimme wird lauter, schriller, so wie jedes Mal, wenn sie aufgeregt ist. «Sie alle, die Regierung, die Aufseher, müssen sich für diese Ungerechtigkeit, die sie so vielen Menschen angetan haben, verantworten.» Es ist die Anklage einer Frau, die um fast zwei Jahre ihres Lebens gebracht wurde. Einer heute 61-Jährigen, die vor sechs Jahren zu laut protestiert hatte, weil man sie um ihr Geld betrogen hatte. Fast ihre ganzen Ersparnisse, die sie einem Anlageberater überliess, waren weg. Mehr als 1400 Gefängnisse soll es in China geben, in denen bis zu vier Millionen Menschen festgehalten würden. Etwa 300 davon sollen Umerziehungslager sein, wo 50 000 Menschen schuften. Genaue Zahlen gibt es nicht. Die Regierung betrachtet alles, was mit Verbrechen und Strafe zusammenhängt, als Staatsgeheimnis. Deshalb sind nationale Stiftungen und internationale Nichtregierungsorganisationen auf Schätzungen angewiesen. Zwei Formen von Umerziehungslagern gibt es: das sogenannte «Laogai» (Reform durch Arbeit) und «Laojiao» (Umerziehung durch Arbeit). Vor allem Diebe, Prostituierte, Drogensüchtige, Mitglieder der in China verbotenen Falun-Gong-Bewegung, renitente Bittsteller, aber auch politisch Andersdenkende sollen hier «geläutert» werden.

Polizeianweisung genügt

Die Häftlinge sind fast rund um die Uhr verpflichtet, unbezahlte Zwangsarbeit zu verrichten, manche schälen Knoblauchzehen für Restaurants, andere verpacken Essstäbchen. Während für die Strafe in einem Laogai-Lager aber ein Gerichtsurteil vorliegen muss, ist Laojiao eine reine Administrativhaft. Hier gibt es weder eine Gerichtsverhandlung noch ein Urteil. Die Anweisung der Polizei reicht für die Laojiao-Haft aus. Für vier Jahre kann sie so die «Unruhestifter» beseitigen. Es ist eine Grauzone, die die Strafjustiz untergräbt.

«Natürlich wusste ich um die Gefahr. Ich wusste, dass ich mit dem Feuer spiele.» Hua Yong redet gern in Bildern, als Künstler schafft er sie. Wie er auch ein ganz besonderes Bild schaffen wollte, damals am 4. Juni 2011 – als Erinnerung an das Tiananmen-Massaker, auf dem Tiananmenplatz mitten in Peking. Er hatte sich vorsorglich von seiner Freundin getrennt, hatte Freunden Geld für die Miete seines Ateliers hinterlassen. Er wusste, er würde nicht weit kommen. Die Erinnerung an 1989, an die Niederschlagung der Studentenproteste durch das chinesische Militär, ist eines der grössten Tabus im offiziellen China. Der 44-Jährige versuchte, dagegen anzugehen. Er scheiterte, wie so viele andere vor ihm. Und landete, ohne einen Richter gesehen zu haben, im Xin’an-Umerziehungslager, wie auch Ye Jinghuan am südlichen Rand Pekings. Ein Jahr und drei Monate Totalüberwachung. «Als politischer Häftling war ich nicht gezwungen zu arbeiten, zumal damals schon klar war, dass unser Lager geschlossen wird. Die Aufseher schickten nur noch wenige Insassen in die Fabrik. Ich musste jeden Tag stundenlang auf einem Hocker sitzen, musste gestehen, dass meine Tat falsch war und ich zu einem neuen Menschen werden wolle.» Hua Yong versucht zurück ins Leben zu kommen, wieder Bilder zu malen. Die Zeit zu verkraften, als er mit elf anderen Männern – Diebe, Falun-Gong-Mitglieder, Petitionäre – ein 15 Quadratmeter grosses Zimmer teilen musste, immer mit brennendem Licht, zur Strafe in einer zweimal zwei Meter kleinen Box hocken sollte. «Das ist China», sagt er und atmet durch.

Menschen als Rohmaterial

Die ersten Laogai- und Laojiao-Lager eröffnete China 1957. Die Partei verstand Menschen als Rohmaterial, das es zu sozialistischen Wesen zu formen galt. Der Gedanke ist bis heute nicht gewichen. «Die Regierung wird Andersdenkende weiterhin einsperren», sagt Tang Jitian. Der Pekinger Anwalt sieht die Ankündigungen der Partei mehr als skeptisch. «Was ist mit all den Zentren für Rechtserziehung, den Zentren der Korrektur illegalen Verhaltens, den Hotelzimmern und Krankenhausräumen, die als ‹schwarze Gefängnisse› dienen? Zu all dem äussert sich die Regierung nicht.» Auch Laogai bleibe schliesslich bestehen, ganz klar ein Umerziehungslager, wenn auch mit Gerichtsurteil.

Das Lagersystem ist auch ein Wirtschaftsfaktor. Eigentlich, so heisst es in den Richtlinien, dürften die Insassen höchstens sechs Stunden am Tag arbeiten, drei Stunden müssten sie «Unterricht zur Selbstreform» bekommen. Ye Jinghuan schuftete 13 Stunden am Tag, zusammen mit ihren 13 Zimmergenossinnen. Immer im Wettbewerb mit den anderen Zellen, den anderen Frauen, die sie nie sah. Sie sollten Milchpackungen mit Stickern bekleben, sie mit Tragegurten versehen. Machten sie zu wenig, gab es Essensentzug. «Vor allem dass ich nicht auf die Toilette durfte, empfinde ich als Folter», sagt sie und wirft ihren langen Zopf zurück. Bis zu den Knien hat sie die Haare wachsen lassen, die Lager-Polizisten hatten sie zur Strafe geschoren. Der dicke, schwarze Zopf gibt ihr die Würde zurück, fast trotzig trägt sie ihn. Und voller Stolz.

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