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Umweltexperten zerpflücken simple Ecopop-Formel

Die Ecopop-Vertreter hantieren mit Zahlen und Statistiken, um ihr Anliegen wissenschaftlich zu untermauern. Ihre Initiative gründet auf einer Formel aus den Anfängen der Umweltbewegung. Dieser Ansatz taugt wenig, sagen Experten.

Sie sind belesen, eloquent und pflegen den intellektuellem Habitus. Im Abstimmungskampf jonglieren die führenden Köpfe des Ökovereins Ecopop gekonnt mit Zahlen, Studien, Statistiken. Das soll belegen, dass ihr Anliegen nicht einfach krude Spinnerei ist, sondern vielmehr einem wissenschaftlichen Ansatz folgt: Das Bevölkerungswachstum sei aus Sicht der Ökologie ein Problem und sollte darum gebremst werden, lautet das Credo von Ecopop. Diese Botschaft verbreiten seine Mitglieder seit über vierzig Jahren – vor der Lancierung ihrer Initiative meist unbeachtet von der breiten Öffentlichkeit. Inspiriert wurde der Verein einst vom Club of Rome, der die Bevölkerungsfrage in seiner 1972 publizierten Studie «Grenzen des Wachstums» ins Zentrum stellte: Wächst die Weltbevölkerung im selben Tempo weiter und nimmt der Ressourcenverbrauch im gleichen Mass weiter zu, dann seien spätestens im Jahr 2070 die absoluten Wachstumsgrenzen der Erde erreicht, so die damalige Prognose.

«Der wichtigste Faktor»

In diesem Geist ist auch die Ecopop-Initiative konzipiert, die am 30.November an die Urne kommt: Sie verlangt deshalb eine rigorose Reduktion der Zuwanderung in die Schweiz und einen gezielten Einsatz von zehn Prozent der Entwicklungshilfegelder für die freiwillige Familienplanung in der Dritten Welt. So will der Ökotrupp gemäss Selbstdeklaration «die natürlichen Lebensgrundlagen und die Lebensqualität in der Schweiz und weltweit für kommende Generationen erhalten», wie auf der Vereinswebsite steht. Für die Initianten steht fest: die Wurzel allen Umweltübels, der «wichtigste Faktor» ist das Bevölkerungswachstum. «Wer wirksam ökologische Politik machen will, kommt um dessen Senkung nicht herum», postulierte Benno Büeler in der NZZ. Der Ecopop-Präsident beruft sich dabei auf eine mathematische Formel zur Berechnung der Umweltbelastung, die das Fundament des Ecopop-Begehrens bildet.

Formel als Basis

Diese sogenannte IPAT-Formel (I=P×A×T) besagt: die Umweltbelastung (engl. Impact «I») ist das Produkt aus der Anzahl Menschen (Population «P»), deren Pro-Kopf-Konsum (Affluence «A») und der technischen Effizienz (Technology «T»). Die Formel hat schon über vierzig Jahre auf dem Buckel – in wissenschaftlichen Kategorien eine halbe Ewigkeit. Ihre aktuelle Bedeutung wird in den Umweltwissenschaften stark relativiert. «Die monokausale Denkweise, die dahinter steht, ist überholt», sagt etwa Rita Schneider-Sliwa, Professorin am Departement für Umweltwissenschaften der Uni Basel: «In der Forschung werden seit langem multidimensionale Ansätze verfolgt.» So etwa der ökologische Fussabdruck, der bemisst, wie viele Hektaren Fläche ein Einwohner eines Landes für seinen Lebensstil beansprucht. Die Berechnung des Fussabdrucks hat zwar Schwächen, doch als Mass zur Beurteilung der Umweltverträglichkeit ist er international anerkannt.

China als Gegenbeispiel

Beruflich vertraut mit der IPAT-Formel ist auch der Umweltphysiker Nicolas Gruber, der an der ETH Zürich lehrt und forscht. «Die Gleichung suggeriert fälschlicherweise, dass die einzelnen Faktoren voneinander unabhängig sind», präzisiert er deren Schwäche. Die IPAT-Formel habe zwar wissenschaftlich nicht ausgedient. Allerdings werde sie heute anders genutzt: «Für die Diagnose der bisherigen Entwicklung des Ressourcenverbrauchs ist sie gut geeignet», so Gruber. Die Formel aber als Lösung für die Umweltproblematik heranzuziehen und dabei erst noch einzig auf die Bevölkerungsgrösse zu fokussieren, hält der Experte für komplett verkehrt: «Es gibt wesentlich wichtigere Treiber für die Entwicklung des Verbrauchs.» Das beste Beispiel liefert China. Dort wächst die Bevölkerung kaum noch. Trotzdem steigt der Energieverbrauch wegen des zunehmenden Wohlstands. Auch in Indien treibt vor allem das Wohlstandswachstum den Ressourcenverbrauch hoch. «Durch die Forschung ist empirisch belegt, dass die Technologie – etwa der Ersatz von nicht erneuerbaren Ressourcen durch erneuerbare – den wirksamsten Hebel darstellt», sagt Nicolas Gruber. Bevölkerungspolitische Ansätze hingegen seien träge: «Es braucht Dekaden, bis Massnahmen zur Senkung der Bevölkerungsgrösse tatsächlich wirksam werden.»

Komplexeres Konzept

Auch für die Spezialisten im Bundesamt für Umwelt (Bafu) greift die IPAT-Formel zu kurz: «Für die Belastung von Umwelt und Ressourcen ist nicht primär die Bevölkerungszahl entscheidend, sondern vielmehr der Verbrauch pro Kopf.» Migrationsbewegungen könnten lokal zwar eine Bevölkerungszu- oder -abnahme bedeuten, global betrachtet seien sie jedoch ohne Einfluss. Zu eng ist für das Bafu auch die nationale Perspektive: «Eine solch beschränkte Betrachtung blendet die Tatsache aus, dass über die Hälfte der konsumbedingten Umweltbelastung unberücksichtigt bleibt, weil sie im Ausland anfällt.» Das Bafu setzt daher auf das komplexe Konzept der Gesamtumweltbelastung und auf Massnahmen, die den Pro-Kopf-Verbrauch senken und die Ressourceneffizienz erhöhen.

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