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Und alles ist so weit weg

Vom Gorgonzola über Bumsfallera bis zur Freiheit, die wir meinen. Ein Liederabend im Theater Winterthur macht den Schweiz-Österreich-Test. Und es heisst: «Servus Austria!»

Der Rosenverkäufer schaut traurig. Aber was soll ein Rosenverkäufer auch im Theater Winterthur machen? Etwa Rosen verkaufen? Hier gibt es doch den Rosenkavalier oder auch Rosenkranz und Güldenstern. Keine Chance also für den Rosenverkäufer. Denn die Liebe ist im Theater gratis – und auch die Blumen des Korans kosten nicht mehr als ein Billett.

Heute aber ist alles anders. Der Rosenverkäufer spielt einmal mit. Denn das Foyer ist so eine Art Wirtshaus, links der Tresen, in der Mitte die Bühne mit Tischchen und Stühlen. Hier nehmen die Gäste des Abends Platz: ein Mann in Uniform und eine Frau im SFV-Fussballleibchen, dann ein anderer Mann im Regenmantel mit leerem Ärmel und eine andere Frau im Chanel-Kostüm. Eine Kellnerin geht von Tisch, das Tablett in der Hand. Bald kommt auch der Rosenverkäufer zu seinem Auftritt. Er wird dann das Tiger-Lied singen.

Im Niemandsland

Bis zum Tiger-Lied geht es aber noch eine Weile. Denn vorher sind die anderen dran. Zu hören sind Kinderszenen von Robert Schumann, das Gorgonzola-Lied, die Erste Allgemeine Verunsicherung, die Toten Hosen, auch Alberich Zwyssig und sein Schweizerpsalm. So geht es, wenn in einem Raum das eine mit dem anderen zusammenkommt, das Land der Berge mit dem Land am Strome, die fromme Seele mit dem Grauen. Wo aber sind wir wirklich?

«Servus Austria!» heisst dieser Schweizer Liederabend. Der Komponist und Musiker Till Löffler hat diese Produktion für das Theater Winterthur realisiert zusammen mit Schauspielschülern und Schauspielschülerinnen der Zürcher Hochschule. Am Donnerstag war Premiere, und zum Glück ist dieses Stück Heimat noch einige Male im Theater Winterthur zu sehen, zum Beispiel gleich heute als Nocturne.

Kleiner Schwarzer

Der Schweizer Liederabend «Servus Austria!» ist dem Titel nach «eine Hommage an unsere bekannt unbekannten Nachbarn» und auch «eine theatralische Reise durch Mentalität, Gemeinsamkeiten und unterschiedliche Sichtweisen der beiden Länder». Die Geschichte spielt im Niemandsland, die Schweiz und Österreich geben auch dem Abend die Farbe am Rand. Rotweisse Absperrbänder bilden das Dekor im Bühnenhintergrund. Eine gute Lösung. Denn vor allem geht es in dieser Produktion um die Grenzen zwischen dem Hier und Da, dem Eigenen und Fremden. Wir sagen: Espresso. Die Österreicher sagen: kleiner Schwarzer. Und da wie dort gibt es auch Gemeinsamkeiten: Alle schauen auf den Rosenverkäufer herab.

Der Rosenverkäufer kommt dann nach dem Lied «Ich weiss, es wird einmal ein Wunder geschehn» auf die Bühne. Er steht hier eine Weile herum, stellt dann die Rosen auf den Tisch und singt selber ein Lied, es ist laut Programm ein Tiger-Lied und auf Tamil, wir verstehen kein Wort.

Der Rosenverkäufer ist natürlich kein Rosenverkäufer, er heisst Patrick Balaraj Yogarajan und ist Schauspielschüler an der Zürcher Hochschule der Künste – seine Muttersprache ist, wie er selber angibt: Deutsch. Auch seine Kolleginnen und Kollegen auf der Bühne –Michèle Breu, Banafshe Hourmazdi, Linda Lienhard, Dimitri Stapfer und Raphaël Tschudi – kommen aus keinem Niemandsland, sie alle haben überall Wohnmöglichkeiten, dies in Zürich wie auch in Wien. Grenzgänger sind alle Künstlerinnen und Künstler, wie auch Till Löffler. Verorten lässt sich auch Simone Keller, sie ist am Klavier und begleitet hervorragend diesen Abend.

Grosse Gefühle

Ganz sturm ist manchmal dieser Anschlag, dann wieder sehr lieblich, es geht im Repertoire von «Servus Austria!» auch querbeet durch die Gefühle. Gesungen wird das Lied von Konstantin Wecker mit dem Titel «Mein linker Arm», und der Text handelt vom Anfang einer Liebe: «Ich hab meinen linken Arm / in Packpapier gepackt / und hab ihn nach Wien geschickt» (und das alles wegen einer Frau). Man singt aber auch die Songs vom Ende der Liebe, es heisst zum Beispiel «Gabi und Klaus» (und ist von der Gruppe Die Prinzen).

Im Original wird Weckers linker Arm nach Paris geschickt, Wien ist an diesem Abend nur ein Einschub, wie überhaupt die Schweiz und Österreich stellvertretend sind für eine Haltung: für das Schwarz gegen Weiss in der Gesellschaft. Davon kann der Rosenverkäufer ein Lied singen. Und wir hoffen, dass seine Geschichte auch nur ein Lied bleibt.

«Morgen wird’s besser», sagt der Mann, der sich aus Liebe den Arm abgeschnitten hat. «Wer weiss» ist dann das Mantra der Kellnerin drauf. Am Schluss stehen alle im Foyer und singen: «Ach, ist das schön». Aber «Servus Austria!» ist mehr als nur Schu­bidu und Bumsfallera. Rosen haben auch Dornen.

www.theater-winterthur.ch

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