Zum Hauptinhalt springen

Ungehörte Klänge

schaffhausen. Mit Valentin Hauris Schaffen eröffnet das Museum zu Allerheiligen Schaffhausen seine neue Ausstellungshalle. «Valentin Hauri – No Place but the One»: Unbedingt anschauen, denn für viele dürfte der Künstler noch immer eine Entdeckung sein.

Immer reduzierter sind die Arbeiten des in Zürich lebenden Künstlers Valentin Hauri (*1954) im Lauf der Jahre geworden, was in seiner Malerei und in seinen Zeichnungen mit einem intensiven Verlangen nach Relevanz und inhaltlicher Verdichtung zusammenfällt. Dabei geht die Reduktion nicht mit der häufig anzutreffenden Beschränkung auf streng geometrische Ausdruckweisen einher. Ebenso wenig kann der Inhalt begrifflich auf den Punkt gebracht werden. Vielmehr entsteht der Eindruck einer signalhaften Ankündigung eines Seins, das durch die Maschen einer bedeutenden Zuschreibung fällt und nur in bedeutsamen Augenblicksmomenten aufscheint, dabei von der Vision ins Visionäre kippt, um sich derart dem Festmachen zu entziehen.

Grosse Empfindsamkeit

Mit Valentin Hauris Arbeiten eröffnet das Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen seine neue Ausstellungshalle für Wechselausstellungen in dem direkt mit dem Klosterbau verbundenen Kulturzentrum Kammgarn. Werden so schon rein architektonisch neue Bereiche erschlossen, so gelingt dies Hauri mit seinen höchst eigenwillig gestimmten, von grosser Empfindsamkeit zeugenden und nur mit einer gesteigerten Feinsinnigkeit wahrnehmbaren Malereien und Zeichnungen auch im künstlerischen Ausdruck. Nicht von ungefähr spielen Motive wie das einer gleichsam gefassten Leere, ein aufgeklapptes Kippfenster oder das Motiv der Spaltung eine zentrale Rolle.

«No Place but the One» trägt die Ausstellung als Titel, ein Titel wie ein Rap, ein rhythmischer Sprechgesang. Ein vielstimmiges Spielfeld zwischen Ortlossein und Ortsbestimmung, zwischen nicht und doch, zwischen Vorhandensein und Nichtvorhandensein ist angelegt. Ambivalent, paradox, vage in der Präzision, körperlich im Körper- losen.

Ungeschliffene Fragilität

Seit Valentin Hauris London-Aufenthalt 1994/95 – er hatte ein Werkjahr von der Zuger Landis-&-Gyr-Stiftung erhalten – sind seine verwendeten Bildformate ausschliesslich in einem Seitenverhältnis von zehn zu neun gehalten. Zudem entstehen seine Gemälde nur in Öl und nur mehr in der Technik der Alla-prima-Malerei. Jede Arbeit wird in einem Zug realisiert. Es gibt keine Übermalungen, keine Korrekturen. Dieses Vorgehen setzt ein Höchstmass an Kon­zen­tra­tion voraus, gleichzeitig die Offenheit, das Risiko des Scheiterns im unwägbaren Prozess der Bildfindung einzugehen.

Hauris malerische Position lässt sich mit dem Auslösen einer irritierenden Stimmigkeit beschreiben. Als Ge­gen­über enthalten die Bildwerke das Potenzial, den eigenen Ort zu finden und so etwas wie einen persönlichen Kosmos wirksam werden zu lassen, und dies gleich einem schwebenden Gerüst als mobile Auffangstelle für Bild gewordene Lebensmomente. In den Bruchstellen des Alltags ist sie verborgen, diese berührende, ungeschliffene Fragilität, die den Menschen existenzielle Verdichtung auf eine geradezu lyrische Art erfahren lässt.

Höchst bescheiden tritt der 58-jährige Künstler auf, etwas geradezu Unscheinbares ist seinen Werken oftmals eigen, selbst wenn sie den Betrachter mit herausfordernder Radikalität auf Entzug setzen. Dennoch, oder gerade deshalb, spielen die Gemälde eine bannende Kraft aus, die ihre Stärke niemals einnehmbaren Geheimnissen verdankt, deren Nährboden die Gespaltenheit des Paradoxen ist. Hauri begibt sich für seine kreative Arbeit, sei es malend, schreibend oder zeichnend, in einen echoartigen Dialog mit Vorlagen, die für ihn zu einer konzeptuellen Vorlage werden. Diese Vorlagen, allem voran bildnerische Werke von Outsidern und Autodidakten, die ihn aufgrund ihrer speziellen Atmosphäre beeindrucken, werden im Zuge einer persönlichen Interpretation transformiert.

Begeisternde Qualität

In Hauris Schaffen geht es darum, der uneingeschränkten Passion einer Haltung abseits vorgegebener Bahnen Raum zu geben. So etwas wie ein «Planetarium verschiedenster Kul­tur­sub­stan­zen» würde er gerne realisieren. Es gilt denn auch eine in der Re­zep­-tion verbreitete Überbetonung der koloristisch unbestreitbar einnehmenden Farb­quali­täten von Hauris Malerei in die Schranken zu weisen, um die Gewichtung mehr auf deren begeisternde Qualitäten zu legen. Ein kleiner Wink dürfte in der Wahl einer Zeichnung für das Ausstellungsplakat enthalten sein. Ein starkes, höchst subtiles Zeichnungswerk ist in Schaffhausen zu entdecken – und dadurch auch eine klarere Sicht auf Valentin Hauris persönliche Haltung und seine Position im zeitgenössischen malerischen Schaffen zu gewinnen. Inhalt wird transportiert, ohne auf der Welle wieder erstarkter Figürlichkeit zu reiten.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch