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Ungereimtheit im Fall «Carlos»

Der Anwalt des jungen Straftäters weist das Zürcher Parlament auf einen fragwürdigen Umstand hin: Eine schon fertig ausgehandelte Sonderlösung sei kurzfristig abgeblasen worden.

Die Zürcher Jugendanwaltschaft lasse im Umgang mit «Carlos» seit dem Sommer weder einen durchdachten Kurs erkennen noch ein klares pädagogisches Konzept. Dies schreibt der Verteidiger des jungen Straftäters in einem Brief an sämtliche Zürcher Kantonsrätinnen und -räte. Das Schreiben verfasste Anwalt Stephan Bernard im Hinblick auf die Parlamentsdebatte über den Bericht der Justizkommission zu dem Fall, die in einer Woche ansteht.

Bernard beschönigt weder, dass sein Mandant mit seiner Messerattacke auf einen anderen Jugendlichen etwas Schlimmes getan hat, noch dass die Kosten für das sogenannte Sondersetting mit über 29 000 Franken pro Monat sehr hoch waren. Aber erstens habe der bei der Tat 15-jährige Jugendliche seine Strafe abgesessen. Zweitens seien die Kosten des Sondersettings auf lange Sicht «mutmasslich auch wirtschaftlich effizient».

Zweifel am Sinn des Vorgehens

Weil sich der junge Mann im Sondersetting positiv entwickelt habe, hätte dieses bald abgebaut werden können und wäre günstiger geworden, schreibt Bernard. Es fand jedoch ein abruptes Ende, nachdem das Schweizer Fernsehen einen Dokumentarfilm ausgestrahlt hatte, in dem der Fall «Carlos» und seine Kosten ein Thema waren – und für viel öffentliche Empörung sorgten.

Ob der Abbruch pädagogisch sinnvoll war, könne «mit Fug bezweifelt werden», so der Anwalt. Für den jungen Mann müsse der Eindruck entstanden sein, dass nicht rechtsstaatliche und pädagogische Erwägungen Regie führten, sondern die öffentliche Meinung.

Nachdem «Carlos» zum eigenen Schutz auf offener Strasse festgenommen und ins Gefängnis Limmattal gebracht wurde, wurde der für ihn zuständige Jugendanwalt ausgewechselt. Auch der neue – der laut Bernard eine «andere Herangehensweise» hat – empfahl aber ausdrücklich, das Sondersettings mit Anpassungen fortzusetzen.

Wenige Tage später wurde wieder ein anderer Jugendanwalt mit dem Fall «Carlos» betraut. Er führte die Verhandlungen mit der zuständigen Betreuungsfirma Riesen-Oggenfuss weiter. Diese offerierte schliesslich eine Lösung für unter 19 000 Franken monatlich mit einer anderen Tagesstruktur – so stand etwa das umstrittene Thaiboxen nicht mehr im Zen­trum .

Von einem Tag auf den andern

Die In­sti­tu­tion verhehlte nicht, dass sie keine absolute Garantie für das Wohlverhalten des jungen Mannes abgeben könne. Dies spreche «für die Professionalität der Organisation», schreibt der Verteidiger: Bei der Resozialisierung jugendlicher Straftäter könne niemand sämtliche Risiken ausschliessen. Dennoch schien für «Carlos» alles auf bestem Weg. Am 18. November konnte der mittlerweile 18-Jährige im Hinblick auf das in Aussicht gestellte neue Sondersetting eine Ermächtigung unterschreiben, mit der die betreffende Gemeinde informiert werden sollte.

Am nächsten Tag folgte die Kehrtwende: «Carlos» wurde in die geschlossene Abteilung des Massnahmen­zentrums Uitikon (MZU) verlegt. Diese Massnahme erfolgte ungeachtet der eindringlichen Warnungen von Fachleuten, die den Fall gut kennen, wie es im Brief heisst. Das MZU sei im konkreten Fall «schlicht nicht geeignet». Diesen Entscheid hält Bernard für nicht nachvollziehbar.

Die Justizkommission des Kantonsrates hat sich mit der Rolle der Behörden im Fall «Carlos» befasst. Ihrer Ansicht nach lief die Anordnung des Sondersettings korrekt ab. Allerdings habe man zu wenig auf die Kosten geschaut. Für künftige Settings empfiehlt sie, anstelle von Kostenpauschalen den tatsäch­lichen Aufwand abzurechnen. (sda)

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