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Unkraut gibt es eigentlich gar nicht

Heute ist nicht nur Gründonnerstag, sondern auch der «Tag zu Ehren des Unkrauts». Was ist Unkraut? Noch vor 20 bis 30 Jahren war die Sache klar: Unkraut war alles, was die von Gärtnern vorgesehene Ordnung störte. Auch die Stadtgärtnerei sieht das heute lockerer.

«Unkraut ist die Opposition der Natur gegen die Diktatur der Gärtner», hat der Maler Oskar Kokoschka einmal gesagt. Was Unkraut ist, liegt immer im Ermessen des Betrachters. Jede Pflanze, die dort wächst, wo sie nicht erwünscht ist, gilt gemeinhin als Unkraut. Wer gerade ein Kräuterbeet angelegt hat, ist sicher nicht erfreut, wenn dort Ackerwinden wachsen. Der Betreuer eines Sportrasens ist wahrscheinlich auf Gänseblümchen und Löwenzahn nicht gut zu sprechen. Andere dagegen schätzen diese Blumen in ihrer Wiese sehr. Wer jetzt mit offenen Augen durch die Stadt geht, findet zahlreiche Wildkräuter, die vor 20 Jahren noch frei her­aus als Unkraut bezeichnet wurden. Der Bärlauch im Stadtgarten wäre früher ein Makel gewesen, heute haben alle ihre Freude daran. Das Schaumkraut, die zarte Vogelmiere oder das Scharbockskraut, dessen grosse runde Blätter jetzt überall spriessen, schaden niemandem, sie stören allenfalls das Auge eines allzu ordnungsliebenden Gärtners. Etwas mehr Gelassenheit im Umgang mit unerwünschten Pflanzen würde manchem Garten guttun. Eine richtige Schönheit unter den frühen Wildpflanzen ist der Hohle Lerchensporn. Oben auf dem Büelholz, am Heiligberg oder im Garten der Villa Sonnenberg finden sich in den nächsten Wochen grosse Kolonien der purpur oder weiss blühenden Pflanze. «Unter Unkraut versteht jeder etwas anderes», sagt Martin Rapold, der bei der Stadtgärtnerei für Planung und Naturschutz zuständig ist. Für ihn sind Unkräuter Pflanzen, die entweder für andere Pflanzen, für Menschen oder Anlagen schädlich sind. Der Begriff treffe heute am ehesten auf invasive Neophyten zu, manche exotische Arten können sogar ganze Bauwerke gefährden. Pappeln oder Erlenschösslinge können, wenn sie auf einem Dach wachsen, Unkraut sein, weil sie grossen Schaden anrichten können, andernorts sind sie aber sehr erwünscht. «Ich verwende den Begriff Unkraut deshalb grundsätzlich nicht», so Rapold. Die Wildkräuter oder Ackerbegleitpflanzen, wie sie sich spontan auf Brachflächen ansiedeln, sorgen für Vielfalt und verhindern die Erosion des Bodens, weil sie ihn immer schön bedeckt halten. Ausserdem sind sie Nahrung und Kinderstube für zahlreiche Insekten. So ernähren sich Schmetterlinge wie Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs, Admiral und Landkärtchen im Raupen­stadium hauptsächlich von den Blättern der Brennnessel. Gespritzt wird nicht mehr Wie geht die Stadtgärtnerei mit Unkraut um? Nur auf Beeten mit Wechselflor, beispielsweise dort, wo jetzt Stiefmütterchen gepflanzt wurden, wird der Boden mechanisch vorbereitet, das heisst, alle unerwünschten Pflanzen werden beseitigt. Auch bei einer intensiven Staudenbepflanzung wie im Brühlgutpark wird zurückhaltend eingegriffen. «Natürlich wird auch auf dem Friedhof gejätet, dort wollen wir nur diejenigen Pflanzen haben, die für den Ort vorgesehen sind», sagt Rapold. Kieswege werden je nach Ort mehr oder weniger intensiv gepflegt. Wenn man sie zu lange sich selber überlässt, habe man irgendwann einen höheren Unterhaltsbedarf, da müsse man einen Mittelweg finden. Vor 20 Jahren war das noch anders. Da gab es etwa noch viel mehr Rosenbeete, die intensivere Pflege brauchten und bearbeitet werden mussten. «Wir schauen heute genau dar­auf, welche Flächen wir etwas extensiver pflegen können als andere.» Der Natur in gewissem Rahmen ihren freien Lauf zu lassen, ist zudem ökologischer. Wie der rund einen Meter breite Streifen zwischen Strasse und Veloweg entlang der Wieshofstrasse hinter dem Bahnhof Wülflingen. Im Sommer prächtig anzusehen ist die bunte Mischung aus Karden, Königskerzen, Schafgarbe, Margeriten, Seifenkraut, Wiesenknopf und vielem mehr. Den Streifen haben die Stadtgärtner mit einer speziellen Samenmischung angesät. Um die bunten Pflanzen einigermassen stabil zu erhalten, muss ab und zu gemäht oder sogar alles wieder aufgerissen werden. Wenn man eine Fläche sich selbst überlässt, gewinnt immer die stärkere Pflanze, ein- oder zweijährige Arten verschwinden nach einiger Zeit wieder. «Die Wiese wird irgendwann ein Wald», sagt Rapold. So haben sich auf dem Streifen auch schon einige Eschen und Schlehen breitgemacht. Früher stand noch der Gedanke im Vordergrund, dass jede Fläche völlig frei von «Unkraut» gehalten werden muss. «Davon haben wir uns schon lange verabschiedet, auch gespritzt wird seit Jahren nicht mehr», sagt Rapold. Sowieso, der Einsatz von Unkrautvertilgungsmitteln ist seit 2001 auf Strassen, Wegen und Plätzen sowie auf Dächern und Terrassen verboten. Versiegelte Böden können nämlich die pro­blematischen Wirkstoffe nicht zurückhalten, die Herbizide versickern fast ungehindert ins Grundwasser oder gelangen über die Kanalisation in Seen, Flüsse und Bäche. Die Pflanzen kommen zurück Auch an den Kiesufern der renaturierten Eulach in Oberwinterthur dürfen sich Wildpflanzen frei ausbreiten. Zuerst kommen die Ruderalpflanzen, das sind solche, die sich auf eine Erstbesiedlung spezialisiert haben. Diese Pflanzen sind meist nicht mehrjährig, aber so ausgerichtet, dass sie sich schnell verbreiten können. Wegwarte, Steinklee, Natternkopf und Königskerzen, aber auch Disteln, Kletten und Brennnesseln gehören dazu. Wegen des Laubholzbockkäfers ist hier im Moment zwar alles kahl geschlagen. Aber die Pflanzen kommen sicher schnell wieder zurück.

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