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Unter dem Strich

Das Smartphone und die Anatomie

Als der Lateinschüler vor Jahrzehnten das «Omnia mea mecum porto» übersetzen lernte, konnte er nicht ahnen, dass die Menschen einmal tatsächlich fast alles (omnia) mit sich (mecum) herumtragen (porto) werden und sich dabei keineswegs nur auf die inneren Werte beschränken, wie es sich die stoischen und zynischen Philosophen damals dachten.

Um es in Bildern der Antike zu sagen: Es ist, als ob der Mensch im alten Griechenland oder Rom die ganze Agora oder das Forum mit sich hätte herumziehen lassen, den Markt- und Versammlungsplatz, den Ort der Nachrichten und Kommunikation. Es ist auch, als hätte er sein Schreibzeug, Wachstafel und Griffel, stets zur Hand gehabt, und seine sämtlichen Aufzeichnungen mit sich herumgeschleppt. Im Gepäck hätte er auch seine Taschensonnenuhr und den Abakus gehabt, und wenn es sie gegeben hat, auch Landkarten, Adresslisten, Kalender, Brettspiele und sogar einen Musikautomaten.

Und so ist es heute. Nur, einen Sklaven, der das alles schleppt, braucht der moderne Mensch nicht. Das «Omnia mea» hat die Grösse des Smartphones und ist mit Applikationen ausgestattet, von denen die Menschen der Antike, zu denen sich der Schreibende hier auch noch irgendwie zählt, nicht einmal träumen konnten. Heute aber sind auch antike Menschen mit Smartphone ausgestattet. Infolgedessen haben sie eine Ahnung von der Sache und können davon träumen. Was ja auch ein bisschen schrecklich sein kann.

«Fast schon ein Körperteil» titelte gestern der «Tages-Anzeiger» den Bericht über ein Grundsatzurteil der amerikanischen Justiz, demzufolge Polizisten künftig einen richterlichen Durchsuchungsbefehl brauchen, wenn sie einem Verdächtigen das Mobiltelefon abnehmen. Fantasieanregend bei dieser Datenschutzsache ist die Begründung, die Geräte – 90 Prozent der Amerikaner besitzen eines – seien «ein solch beherrschender und vereinnahmender Teil des täglichen Lebens, dass der sprichwörtliche Besucher vom Mars sie für ein wichtiges Merkmal der menschlichen Anatomie halten könnte».

Womit wir beim Träumen sind. Der Besucher vom Mars kommt in diesen Träumen auch vor. Er erscheint uns sehr menschenähnlich, vielleicht sehr, sehr blass, aber ziemlich grossköpfig. Denn hinter der überhöhten Stirn findet nebst dem Gehirn in der Form eines weiteren Hirnlappens auch das Supersmartphone seinen Platz. Anders als die obersten amerikanischen Richter denken, würde er beim Blick auf die heutigen Weltbürger im Gegenteil das altmodische Zusammenspiel von Mensch und Computer belächeln, bei dem der Daumen als Verbindungsglied seine mühsame Arbeit verrichtet. «Wie antiquiert, die Biotechniker schlafen hier noch», würde der Marsmann ausrufen und mit einem Blitzgedanken die Menschheit hacken. Herbert Büttiker

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