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Urchige Fantastik

Silvia Tschuis «Jakobs Ross» ist ein erstaunliches Buch, dicht und reizvoll im dialektal gefärbten Deutsch. Gotthelf, Gerold Späth und Tim Krohns «Quatemberkinder» könnten Pate gestanden haben.

Im Mittelpunkt des Romans steht nicht Jakobs Ross – das kommt zwar vor, segnet aber schon früh das Zeitliche. Vielmehr ist es Jakobs Geiz, ausgelöst durch die Gier nach einem Ross, der eine Menge Elend verursacht. Dies vor allem für Jakobs Frau Elsie, die ganz etwas anderes wollte, als eine arme Pächtersfrau zu werden. Denn Elsie war ein musikalisches Wunderkind: Wenn sie «fidlete», fielen die Ratten tot um; der verklemmten Gouvernante «säbelte es einen Riss in die Kruste», sodass sie sich getraute, auf Männerfang zu gehen; dem dicken Diräkter nahms den Hunger, sehr zur Freude der Dienstboten, welche die Reste essen durften.

Doch der «hinterfotzige Fabrikdiräkter» schwängerte die begabte 13-jährige Bohnermagd und verheiratete sie mit dem Rossknecht Jakob, den er mit einer Pacht und zwei Kühen entschädigte. Ein «Cheibenglück» habe das Elsie, fand der Diräkter. Aus der Traum vom Musikstudium in Florenz, das Elsie von ihrer Mäzenin, der Direktorentochter Sophie, in Aussicht gestellt bekommen hatte. «Brünftige Sau!», beschimpft das Herrschaftsfrölein Elsie. Diese «fidlet» zum grausamen Abschied im Herrenhaus ein Konzert, das die Herrschaften versteinern, vereisen und vertrocknen lässt – der Diräkter wird sich davon nie mehr erholen.

Doch das Elsie kann auch anders: Nachdem es als geschundene, verhärmte Bäuerin in Finstersee eine kurze, aber zukunftsträchtige Affäre mit einem Jenischen hatte, singt und jauchzt es unentwegt seinen magischen Gesang. Dank ihm ernten die Bauern im Dorf «Chabischöpf gross wie Chueeuter», der griesgrämige Kaplan entdeckt die Lebensfreude und die Geburtenrate steigt. Doch nachdem im Jahr dar­auf Jakob und ein paar Dorfkumpane den zurückgekehrten Jenischen zusammengeschlagen und dessen Sippe gemetzelt haben, kehrts: Elsie trinkt Unmengen fauliger Milch und macht einen Riesenbrunz, der den Boden bis nach Zug hinunter vergiftet und die bizarrsten Unglücksfälle auslöst.

Schön durchstrukturiert

Elsie verfällt in einen katatonischen Zustand. Alles, was es noch tut, ist sticken: wuchernde Eibenwälder, in denen sich wie in Vexierbildern Symbole seines bisherigen Leidens verstecken. Die Töchter der Zürcher Hautevolee reissen sich um die Stoffe, aber sie bringen ihnen kein Glück. Neun Monate nach dem Gemetzel an den Jenischen kommt das immer noch apathische Elsie mit der Tochter Sophie nieder, welche dieselben Visionen hat wie die Mutter. Sophies Zeichnungen davon werden als Einpackpapier produziert und finden ebenfalls ihren Weg in die höchsten Kreise Zürichs.

Diese Zusammenfassung bildet nur den Rahmen, auf den ein Erzählteppich mit wild wuchernden Motiven gespannt ist: ein bäuerlich-provinzielles Panorama aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, verziert mit erfun- denen Legenden, Fantasy-Elementen, Brauchtum und Volksmedizin. Tschui versteht es meisterlich, den Text zu strukturieren. Wiederholt setzt sie bei einem unerwarteten Bild an, um dann dessen Vorgeschichte aufzurollen: wie die Stickerin, die zunächst den Hauptstrang markiert und ihn dann ausdekoriert. Nach den ersten zehn Seiten denkt man, diese Dichte hält kein Autor 200 Seiten lang durch. Tschui kanns.

Silvia Tschui

Jakobs Ross, Roman, Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2014, 208 S., Fr. 26.90

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