Im Gedenken

Urs Widmer war ein Brückenbauer, Demokrat und Menschenfreund

Der frühere Winterthurer Stadtpräsidend Urs Widmer (im Amt von 1966 bis 1990) war zeitlebens ein Politiker und Mensch, dem das offene ehrliche Gespräch am Herzen lag. Er war gleichermassen interessiert an Kunst und Ingenieurskunst.

Urs Widmer, kurz vor seinem 90. Geburtstag Ende letzten Jahres bei sich zu Hause im Sessel.

Urs Widmer, kurz vor seinem 90. Geburtstag Ende letzten Jahres bei sich zu Hause im Sessel. Bild: Madeleine Schoder

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An der 1. August-Ansprache von 1968, seiner ersten als Stadtpräsident, gab Urs Widmer seiner Überzeugung Ausdruck, dass die Basis aller Politik, ob international oder lokal, das Gespräch sei: «S Gspröch zwüsched de einzelne Mänsche», sagte er. Nachzulesen in einem Buch, das 2007 zu Urs Widmers 80. Geburtstag erschien und Reden aus seinen 24 Amtsjahren als Stadtpräsident enthält.Widmer war 1966 in einer Kampfwahl als Vertreter der damaligen Demokratischen Partei ins Amt gewählt worden. Seinen Rücktritt gab er 1990 als FDP-Vertreter. Demokraten und Freisinnige hatten in der Zwischenzeit fusioniert. Und Widmer machte nie ein Geheimnis daraus, dass er diesen Schritt im Rückblick eher als Fehler denn als Fortschritt empfand. Widmer stand in manchen sozialen Fragen der SP fast näher als seiner eigenen Partei, aber er war ebenso ein Freund der Wirtschaft und fasziniert vom Fortschritt.

Widmer, der Brückenbauer

Urs Widmer war 12, als sein Vater mit erst 50 Jahren starb, auch er war damals Stadtpräsident. Als Mittelschüler erlitt er den nächsten schweren Schlag, einen gravierenden Schädelbruch. Diese Erlebnisse prägten und stärkten ihn, wie er später erzählte. Nach dem Krieg begann Widmer seine Studien und seine Karriere. Als ETH-Bauingenieur zog er Mitte der 1950er-Jahren für zwei Jahre in die USA, unter anderem ins Büro des Schweizers Othmar Ammann, der zu den führenden Brückenbauern seiner Zeit gehörte.

«Ich fuhr mit dem Schiff nach New York und verbrachte die  erste Nacht im YMCA, bevor ich mich im Büro Ammanns meldete.»Urs Widmer erinnert sich an seine Ankunft in den USA 1953

«Ich fuhr mit dem Schiff nach New York und verbrachte dort die erste Nacht im YMCA, bevor ich mich am nächsten Morgen im Büro meldete», erzählte Widmer dem «Landboten» bei einem Gespräch im letzten Dezember, kurz vor seinem 90. Geburtstag. Seine Jahre in den USA blieben ihm zeitlebens wichtig: Widmer liebte es auch im gesetzten Alter noch, mit den Enkeln das Land zu bereisen. Und neben der Tür seines Hauses am Wolfensberg hing das Nummernschild jenes Autos, das er in den USA gefahren hatte. Was der aktuelle US-Präsident tut, das interessiere ihn jedoch nicht.

Urs Widmer wurde Stadtpräsident in der Hochkonjunktur. «Sulzer ging es gut, also ging es der Stadt auch gut», ist ein Satz, den Widmer in den letzten Jahren oft sagte. «Und mit Hans Bachmann hatten wir im Stadtrat einen grossartigen Finanzvorsteher», schwärmte Widmer beim letzten Interview. Die Stadt habe sich damals Vieles leisten können, was heute nicht mehr möglich sei. Allen Widrigkeiten zum Trotz gelang es Widmer, das neue Stadttheater am Stadtgarten durchzuboxen. Auch beim Technorama gehörte er zu den Förderern.

Nach seinen 24 Jahren als Stadtpräsident blieb er weitere acht Jahre der städtischen Kulturpolitik eng verbunden, als Präsident des Kunstvereins (siehe Box rechts). Widmer war mit vielen lokalen Künstlern persönlich befreundet, kaufte und sammelte ihre Werke, die ihn bis ins hohe Alter in seinen vier Wänden umgaben. Sein letzter Wohnort war das frühere Atelier des Malers Hans Schoellhorn. Widmers Mutter war eine Schoellhorn gewesen, und die Schoellhorns waren die gut betuchten Herren der Brauerei Haldengut.

Ein wandelndes Lexikon

Urs Widmer wusste alles aus der Stadtgeschichte, als diese noch von den führenden Familien geprägt war: Wer mit wem welches Geschäft betrieben hatte, wer wen warum heiratete, wer an welcher Adresse in der Stadt wohnte.

Dieses enorme Wissen floss in ein Projekt ein, das Widmer 2006 mit dem früheren SP-Politiker Heinz Bächinger startete: das Internet-Lexikon winterthur-glossar.ch. Es wächst weiter, doch stagniert die Qualität, seit Widmer nicht mehr schreibt. Am kulturellen Leben in der Stadt nahm er jedoch bis zu seinem 90. Geburtstag Ende letzten Jahres teil. Er ging gerne mit alten Freunden oder jungen Familienmitgliedern essen «in der Stadt unten», früher in der Akazie, dann im National. Und er liess es sich nicht nehmen, Freunde und Familie ins Ferienhaus in Valbella einzuladen. Die letzten 18 Jahre verbrachte Widmer ohne seine Frau, die 2000 verstarb.

Am Sonntag, nach kurzem Spitalaufenthalt, hat Widmers Herz zu schlagen aufgehört. Er war müde und schlief friedlich ein, sagten Familienangehörige. Er hinterlässt vier Kinder und deren Familien mit zwölf Enkelkindern und einer Urenkelin. (Landbote)

Erstellt: 03.09.2018, 17:27 Uhr

Reaktionen

«Neugierig, offen, fröhlich»

Weggefährten des verstorbenen Urs Widmer erinnern sich an den Stadt-präsidenten und Kunstfreund.

Ernst Wohlwend (SP) war der Nach-Nachfolger Widmers als Stadtpräsident. Er sei sehr traurig, von dessen Tod zu hören, sagte Wohlwend. «Er war auch im hohen Alter ein spannender Gesprächspartner.» Widmer und Wohlwend sassen zwar nie zusammen im Stadtrat, hatten aber oft miteinander zu tun: «Er war ein aufgeschlossener Mensch mit weitem Horizont.» Auch als er noch Gemeinderat war, habe er Widmers Art geschätzt, sagt Wohlwend: «Er zeigte sich immer als Demokrat, er hatte einen anderen Background als der Freisinn.» So habe Widmer ein Herz gehabt für Anliegen der städtischen Angestellten. Damit habe er sich bei den Bürgerlichen nicht immer beliebt gemacht.

Heiri Vogt (SP) wurde 1986 in den Stadtrat gewählt und bezeichnet Urs Widmer als «ganz feinen, fröhlichen Mann und meinen Lehrer». Widmer habe ihn nicht nur ins Amt eingeführt, sondern auch in einen Kurs in Personalführung geschickt, «was sehr hilfreich war». Nach der Zeit im Stadtrat gingen die früheren Kollegen oft essen.

«Urs Widmer war unglaublich neugierig und bereit, auf alles einzusteigen», sagt Dieter Schwarz, der von 1990 bis 2017 Direktor des Kunstmuseums Winterthur war. Als Widmer 1990 Präsident des Kunstvereins wurde, habe er sich voll für die Kunst engagiert und grunden: «Wir müssen uns gegen die Stadt durchsetzen.» Ohne Widmers grosses Engagement und Geschick würde es den Erweiterungsbau des Kunstmuseums nicht geben, sagt Schwarz. Widmer habe ihm ein «väterlicher Freund» sein wollen: «Den hatte ich wirklich.» (mcl/mgm/dwo)

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