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Urs Widmers «inneres Afrika»

Zürich. In seinen Büchern baut Urs Widmer abenteuerliche ­Parallelwelten. Diese sind nicht so harmlos, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Am Dienstag wird der Schriftsteller 75 Jahre alt. Kürzlich sind seine «Gesammelte Erzählungen» erschienen.

Er ist der Abenteurer unter den Schriftstellern seiner Generation. In mehrfacher Hinsicht: Zum einen verlassen seine Figuren gerne das gepflegte Gärtchen, um in den Wilden Westen, nach Afrika oder per Schiff nach Hongkong abzuhauen. Im Roman «Im Kongo» etwa befindet sich der Dschungel irgendwo im Wald, der direkt hinter dem Haus beginnt. Zum andern wagt sich Urs Widmer kühn aufs literarische Tanzparkett. Weniger in den Romanen, in denen er mitunter etwas die Zügel schiessen lässt, sondern vor allem in den Erzählungen. Sie liegen nun, pünktlich zum Jubiläum, in einem Band gesammelt vor.

Schon der erste der chronologisch angeordneten Texte, die Erzählung «Alois» von 1968, fährt einen wilden Kurs durch die Landschaft der Einbildungskraft, kombiniert das Appenzellerland mit Walt Disney und Karl May, das Rütli mit Blitzschach und der Tour de Suisse. Es beginnt fast beschaulich. Der Ich-Erzähler wohnt mit Alois in einem windschiefen Haus weit über der Stadt, das Haus besitzt das letzte Schindeldach im Kanton und ist folglich geschützt. So harmlos bleibt es nicht.

Trügerische Ruhe

Der Tonfall der Montage ist meistens ruhig und sachlich und erinnert zuweilen an die Geschichten von Peter Bichsel. Doch die Ruhe ist trügerisch. Ein falscher Satz genügt, um die zurückgehaltene Wut des Ich-Erzählers zu entfachen. «Schön haben Sie’s hier, sagt Frau Knuchelbacher. Ich knalle ihr die Faust unters Kinn schlage ihr das Nasenbein zu Mus die Ohren in Trümmer trete ihr ins Schienbein in den Bauch haue ihr eine schleudere sie an die Wand.» Mit seinem «knalligen Akzent» bewege sich das Buch so entschieden in Richtung Pop wie kein anderes in Deutschland und der Schweiz, schreibt die Literaturkritikerin Bea­trice von Matt im Nachwort.

Und im nächsten Abschnitt finden wir uns mit Mr. Henry Livingstone beim blutroten Sonnenuntergang am Tanganjika-See wieder – eine erste Eskapade nach Afrika, in das Gebiet «dort unten», in dem dunkle Mächte walten und die Leidenschaften sich freier entfalten können; ein fantastischer Ausweg aus der braven Normalität, den man geradezu als Widmers Erkennungsmerkmal bezeichnen könnte. Er führt in eine Parallelwelt zur alltäglichen Realität, in ein «inneres Afrika», das bei Widmer regelmässig in Erscheinung tritt. Es ist kein Zufall, dass er Joseph Conrads «Herz der Finsternis» übersetzt hat.

Anarchischer Geist

In den Erzählungen ist diese unbezähmbare Sehnsucht deutlicher zu spüren als in den späteren, burlesk-verspielten Texten wie «Der blaue Siphon» (1992) oder in der noch stärker autobiografisch gefärbten Romantrilogie «Der Geliebte der Mutter», «Das Buch des Vaters» und «Ein Leben als Zwerg» (2000 bis 2006). Der anarchische Geist, von dem sie beseelt sind, zeigt sich etwa in folgender Widmung in «Alois», die lustvoll die Ordnungskategorien pulverisiert: «Diese Schrift ist gewidmet: / Seppe Hügi, / Wyni Sauter, / Babette Zaugg, der noch nie etwas / gewidmet worden ist, / Eugen Gander, der vier Duke- / Ellington-Platten unter seinem / Bett versteckt, / Zoe und / Daniel Düsentrieb.»

Oft geht es um Liebe, dazu kann sich Widmer auch ganz unverblümt äussern, so etwa, wenn sich in «Der unbekannte Duft der fremden Frauen» die zurückgehaltene Lust in orgiastischen Fantasien entlädt – wobei wir uns in ihnen, angeregt durch Literatur und wiederum auf Literatur zusteuernd, selbstredend auf dem Feld der Kunst befinden: «Wenn ich in gewissen Büchern lese, durchschauert mich plötzlich eine Ahnung von einem besseren schöneren tolleren Leben. Weisse Kraniche fliegen durch die Wohnküche, und die Luft, die durchs Fenster strömt, riecht nach auslaufenden Schiffen, liebenden Frauen, schwitzenden Matrosen.»

Die Zukunft erzählen

Das Medium, in dem das bessere Leben evoziert und als ein imaginiertes in die Zukunft hinein verschoben wird, ist das Erzählen. Bezeichnend ist es deshalb, dass in «Liebesnacht» (1982), einem von Widmers schönsten Prosatexten, Geschichten über die Liebe erzählt werden. «Diese Endzeit», seufzt der Erzähler in der Einleitung. Das ist zwar ein Echo auf die Entstehungszeit, als die Nato in Deutschland neue Mittelstreckenraketen stationierte. Dennoch könnte die Gefühlslage heute aktueller nicht sein: «Wie sehne ich mich nach Geschichten, die von einer Zukunft sprechen; von einer Gegenwart wenigstens; ich ertrage nicht mehr, dass mir das, was ich erzähle, zu Eis gerinnt.» Der Mensch, so liesse sich der bekannte Satz von Schiller auf Urs Widmer ummünzen, ist nur dann ganz Mensch, wenn er erzählen darf.

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