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Urteil im Kaufleuten-Fall fiel milder aus als beantragt

Der Hauptangeklagte im Kaufleuten-Prozess ist gestern des Mordes schuldig gesprochen worden. Er muss 16 Jahre ins Gefängnis, gefordert waren 20 Jahre.

Der heute 22-jährige Shivan, der im Juli 2012 vor dem Zürcher Club Kaufleuten den 23-jährigen Vigan aus Hombrechtikon mit elf Messerstichen tötete, erhält vom Bezirkgsgericht Zürich eine 16-jährige Freiheitsstrafe. Das Gericht erkannte auf Mord. Das Strafmass liegt genau in der Mitte zwischen den Anträgen der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung. Der Staatsanwalt hatte eine 20-jährige Freiheitsstrafe verlangt, der Verteidiger 12 Jahre.

Restlos geklärt sind die Tatumstände aus Sicht des Gerichts aber nicht. «Wir dürfen nicht spekulieren», sagte der Richter. «Und wenn wir es tun, müssen wir es zugunsten des Beschuldigten tun.» Unklar blieb, wann genau Shivan sich entschloss, zu töten. Der Täter hatte nach einer Prügelei mit dem späteren Opfer seinen Kollegen Serifi angerufen, dass er zum Kaufleuten komme. Dass Serifi ihm die Tatwaffe, ein illegales Butterfly-Messer, im Auto gab, als sie zusammen zum Kaufleuten fuhren, wie Shivan behauptete, liess sich nicht beweisen.

Unbestrittener Tathergang

Das Gericht schloss sich der Version an, wonach Serifi als Schlichter herbeigerufen wurde, weil er die Leute aus Hombrechtikon kannte. «Zugunsten von Serifi muss man annehmen, dass das Messer schon im Auto war», so der Richter. Serifi wurde deshalb vom Vorwurf der Beihilfe zum Mord freigesprochen. Der Staatsanwalt hatte für ihn fünf Jahre gefordert.

Unbestritten ist der Tathergang: Serifi und Shivan stiegen vor dem Kaufleuten aus; Serifi begab sich zuerst zu der Gruppe um Vigan, der im Kaufleuten seinen 23. Geburtstag feierte. Aussagen, wonach Serifi als Aggressor auftrat, gab es nicht. «Der mit der weissen Jacke ist es», rief Shivan, eilte auf Vigan zu und versetzte ihm elf wuchtige Messerstiche. Vigans Bruder ging dazwischen und erhielt einen gefährlichen Messerstich in den Bauch. Er musste operiert werden. Sein älterer Bruder Vigan verblutete.

«Der Vorsatzwechsel vom Schlichten zum Töten muss in dem Moment vollendet gewesen sein, als Sie aus dem Auto losstürmten», so der Richter zu Shivan. «Schon da muss das Messer geöffnet gewesen sein. Entweder hatten Sie das Messer schon in der Hand, oder Sie waren geübt darin, es schnell aufzuschleudern. Sie liessen Vigan keine Chance.»

Schon zuvor hatte Shivan im Kaufleuten und im Auto von «aufschlitzen» geredet. «Dass es Mord war, können wir bejahen», sagte der Richter. Doch kaltblütig geplant sei die Tat nicht gewesen. «Shivan ist geschlagen worden. Er war tief gekränkt. Das rechtfertigt nicht, was er getan hat. Es erklärt aber, war­um er so aufbrausend war», so der Richter weiter. Laut einem Gutachten des Psychiaters Frank Urbaniok hat Shivan eine enorme Kränkungsempfindlichkeit. Zudem war er zur Tatzeit stark alkoholisiert. Auch sein noch junges Alter wurde beim Strafmass berücksichtigt.

Ambulante Behandlung

Von den 16 Jahren Freiheitsstrafe hat der Täter bereits knapp zwei Jahre abgesessen. In Haft muss er sich nun einer ambulanten Behandlung unterziehen. Den Angehörigen sprach das Gericht Schmerzensgeld in Höhe von 235?000 Franken zu. Ihr Anwalt hatte deutlich höhere Forderungen gestellt. Die beiden Mitangeklagten kommen glimpflich davon. Serifi, bei dem die Polizei einen Teleskopschlagstock beschlagnahmte, muss wegen Vergehens gegen das Waffengesetz 80 Tagessätze à 90 Franken abstottern. Er war bereits vorbestraft. Die Probezeit für eine früher aufgeschobene Strafe wird um eineinhalb Jahre verlängert.

Mehmedi, der Shivan nach der Tat mit dem Auto wegfuhr und ihm, als dieser Bargeld forderte, noch 20 Franken gab, muss wegen Begünstigung der Tat 150 Tagessätze à 80 Franken zahlen. Der Staatsanwalt hatte 14 Monate gefordert. Weil das Gericht Mehmedi eine gute Prognose bescheinigt, wird die Geldstrafe aufgeschoben, bei einer Probezeit von zwei Jahren. Shivan war nach der Tat mit dem Auto nach Norwegen zu Verwandten geflohen.

Der Fall könnte vor dem Zürcher Obergericht erneut aufgerollt werden. Der Verteidiger von Mehmedi kündigte an, vorsorglich Berufung einzulegen. Der Anwalt der Hinterbliebenen des Opfers will sich noch mit den Geschädigten absprechen. Die Berufungsfrist beträgt zehn Tage. Matthias Scharrer

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