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Velofahrer stoppte Auto – keine Nötigung

Nachdem ihm eine Automobilistin den Weg abgeschnitten hatte, verfolgte und stellte der Radfahrer sie. Die Folge war eine Strafuntersuchung gegen ihn – und gestern der Freispruch.

Der 50-jährige Bündner ist ein zäher und erfahrener Radfahrer. In jungen Jahren hatte er Rennen bestritten und später Europa per Rad bereist. 2013 wohnte er in Winterthur, weil er an der ZHAW ein Studium absolvierte. Mitte ­jenes Jahres passierte dieser Vorfall, der ihn ziemlich aus dem Gleichgewicht brachte. Er fuhr vom Spital Richtung Stadt, liess es von der Lindbrücke runter richtig rollen, als ihm ein schwarzes Auto den Weg abschnitt, ihn fast zu Fall brachte und in die Theaterstrasse einbog. Er sprintete hinterher. Was dann passierte, war gestern Thema beim Einzelrichter im Gerichtsgebäude gleich gegenüber. Um das wegfahrende Auto beim Lichtsignal an der Theaterstrasse noch zu erreichen, fuhr der Student nicht auf dem Veloweg, sondern links an der Autokolonne vorbei. «Der Radweg war wegen Bauarbeiten verstellt, und die Gefahr bestand, dass ein Fussgänger die Fahrbahn betreten würde», versuchte er dem Richter sein Verhalten zu erklären.

Nötigung wegen Behinderung der Wegfahrt

Er erreichte das schwarze Auto, stieg ab, zückte seine Kamera und wollte das Nummernschild fotografieren. «Und sehen, wer am Steuer sass», sagte er. Und dabei sei ihm die Idee gekommen, die Lenkerin gleich auch noch zu fotografieren. Das Velo, eines ohne Ständer, lehnte er vorne an die Kühlerhaube der Automobilistin. «Das war ein Fehler», gab er gestern zu. Die Frau fühlte sich behindert, bedroht und konnte nicht wegfahren, als es grün wurde. Als sie dann doch fuhr, überrollte sie sein Velo. Es ist heute noch kaputt. Nötigung lautete der Hauptvorwurf der Staatsanwältin, die den ganzen Fall später untersuchte. Nötigung, weil die Autofahrerin nicht wegfahren konnte, als er vor ihrer Kühlerhaube und neben der Fahrertür herumzappelte. Dar­über hinaus habe der Radfahrer diverse Paragrafen des Strassenverkehrsgesetzes missachtet. Eine Busse von 200 Franken und eine bedingte Geldstrafe von 2400 Franken beantragte die Staatsanwältin. Der Verteidiger des Radfahrers hingegen sah im Vorgefallenen keine Nötigung. «Ihre Willensfreiheit war nicht beeinträchtigt», sagte er, «und der Vorfall am Lichtsignal dauerte nicht einmal eine ganze Minute.» Juristisch interessanter Fall Dann zog sich das Gericht zur Beratung zurück und entschied: Freispruch des Radfahrers vom Vorwurf der Nötigung. Schuldig nur wegen seiner unkorrekten Fahrweise auf der Theaterstrasse. «Der Tatbestand der Nötigung ist nicht erfüllt, weder in objektiver noch in subjektiver Hinsicht», sagte der Richter und schob nach: «Es gibt ein privates Anhalterecht, um jemanden nach einem Vergehen zu stellen, und Abdrängen ist ein Vergehen.» Die 200 Franken Busse muss der Radfahrer zahlen, die Geldstrafe entfällt, ein Teil seiner Anwaltskosten zahlt die Gerichtskasse. Und: Einen Eintrag ins Strafregister gibt es nicht. Der 50-Jährige atmete auf. Denn ein Eintrag hätte seinen Traum von der Auswanderung nach Neuseeland zerstört. Doch Gefahr droht weiter: wenn die Staatsanwältin das Urteil weiterzieht. Das sei durchaus möglich, sagte der Richter, denn es sei «juristisch ein interessanter Fall».

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