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Verhinderer mit einer Vision

Es ist ruhig geworden um die Erweiterung des Zürcher Kunsthauses. Die Gerichte müssen entscheiden. Die Rekurrenten, die den geplanten Neubau verhindern wollen, sehen ihre Chancen intakt – und sie haben eine Vision. Das projekt und die SpendenArchiculturas Alternative

Paul Stopper und Anton Monn halten grosse Stücke auf David Chipperfield. Was er in Berlin auf der Museumsinsel geschaffen habe, sei einmalig, sagt Monn. Er lobt, wie der Architekt dort Neu und Alt zu einem Ganzen formte. «Schade, liess man ihn in Zürich nicht ebenso zu Werke gehen», sagt er. Chipperfield ist der Architekt des Erweiterungsbaus, den die Stadt Zürich und das Kunsthaus errichten wollen. Gericht nimmt Augenschein Ginge es nach dem Kunsthaus, wären die Bauarbeiten seit Ende letzten Jahres in Gang. Nachdem sich aber die Stiftung Archicultura das Beschwerderecht erstritten und den Rekurs mittlerweile eingereicht hat, ruht das Vorhaben. Im August wird das Baurekursgericht vor Ort einen Augenschein nehmen. Dann heisst es auf das Urteil warten. Verwaltungs- und Bundesgericht wären weitere Beschwerdeinstanzen. Stopper und Monn sind bei der in Luzern domizilieren Stiftung Archicultura für die Zürcher Kunsthauserweiterung zuständig. Den «Klotz» nennen sie den geplanten Bau nur. Die Wettbewerbsausschreibung habe nichts anderes zugelassen, bedauert Stopper. «Dem Architekten blieb noch Spielraum für etwas Fassadengestaltung, mehr nicht.» Archicultura geht es um das En­sem­ble mit den zwei Turnhallen ge­gen­über dem Kunsthaus auf der anderen Seite des Heimplatzes sowie der weiter oben stehenden Alten Kantonsschule. Die Turnhallen (Baujahre 1880 und 1901) müssten dem Neubau weichen. Dieser würde mit seiner Höhe von 21 Metern die Sicht auf die Alte Kantonsschule (erstellt 1842, angelehnt an die Bauakademie Schinkels) verstellen. Dass das En­sem­ble schützenswert wäre, kann Archicultura seit kurzem mit einem Gutachten belegen. Verfasst hat es die Stadt Zürich respektive das Amt für Städtebau. Ein Gutachten der Stadt «Wir wussten, dass es dieses Gutachten gibt, aber die Stadt hielt es unter Verschluss», erklärt Stopper. Als das Baurekursgericht letzten Dezember das Beschwerderecht von Archicultura bejahte, hat es gleichzeitig die Herausgabe des Gutachtens ermöglicht. Es datiert vom Juni 2006 und hält zunächst einmal fest, wie vernachlässigt die ganze Umgebung wirkt. «Die Sichtachse vom Heimplatz zur Alten Kantonsschule ist heute durch provisorische Schulpavillons und die umlaufende Einfriedung mit einer Hecke verstellt. Dadurch ist die ursprüngliche Gesamtwirkung des baulichen En­sem­bles von Alter Kantonsschule, Turnhallen und Turnhallenareal nur noch schwer ablesbar.» Die Wirkung des Schulbaus wäre, so heisst es weiter, von einem unverbauten Turnhallenareal abhängig. Fest steht für die Gutachter, dass Schule und Turnhallen ein «schutzwürdiges städtebauliches En­sem­ble» bilden. Stopper zieht eine Parallele zum kürzlich gefassten Entscheid der Bausektion des Stadtrates, die Baubewilligung für einen provisorischen Bau im Park des Kantonsspitals zu verweigern. Dabei sollte dieser Bau nur für die Dauer des Spitalumbaus dort stehen, während der «Klotz» definitiv wäre, sagt Stopper. Für ihn steht fest, dass am Pfauen ein mindestens so wertvoller, wenn nicht gar wertvollerer Stadtpark zerstört würde, und er beklagt: «Gutachten werden bei der Stadt offenbar je nach Gutdünken berücksichtigt. Das grenzt an Willkür.» Auch das Spitalprovisorium ist im Übrigen als Gerichtsfall hängig. Beschwerdeführer hier ist der Kanton, der sich für das Provisorium wehrt. Relikt aus anderer Ära Im Streit um den Kantonsspitalpark sehen Stopper und Monn insofern etwas Gutes, als er sich als Hinweis lesen lässt, dass die Stadt heute vielleicht auch den Erweiterungsbau für das Kunsthaus in den vorgesehenen Umrissen nicht mehr gutheissen würde. Für Stopper und Monn ist das Projekt ein Relikt aus einer anderen Ära, als mit Stadtpräsident Elmar Ledergerber noch – im wahren Wortsinn – eher «klotzen» als kleckern angesagt war. Die zwei Kämpfer wider den Erweiterungsbau waren bis im Dezember 2012 Vorstandsmitglieder im Zürcher Heimatschutz. Der Heimatschutz rekurrierte nicht gegen den Chipperfield-Bau, äusserte sich aber ablehnend gegen das geplante Provisorium im Park des Kantonsspitals. Die Vision der zwei Rekurrenten für den Pfauen: Die Barackenprovisorien zwischen den Turnhallen werden – wie das die städtischen Gutachter 2006, also lange vor dem Architekturwettbewerb, vorschlugen – entfernt, womit der ursprüngliche Park vom Heimplatz bis zur Alten Kantonsschule wieder aufersteht; er liesse sich zum Skulpturenpark aufwerten. Auch die zur Alten Kantonsschule hochführende grosse Freitreppe wäre so wieder gut sichtbar. Das Gebäude selbst – heute von der Universität genutzt und nicht öffentlich zugänglich – würde für die Bührle-Sammlung des Kunsthauses geräumt. Die Turnhallen – «allenfalls nach Norden verlängerbar», so Monn – würden zu Eventhallen. Auch liesse sich ein Café einrichten. Bei weiterem Raumbedarf des Kunsthauses liesse sich auch das nahe Wolfbachschulhaus mit einbeziehen. Vorderhand und vielleicht auch für alle Zukunft sind das Träumereien. Die zwei müssen damit leben, in der breiten Öffentlichkeit als Einzeltäter und Verhinderer eines durch Volksabstimmungen legitimierten Projektes wahrgenommen zu werden. «Das muss man aushalten», sagt Stopper. Es gebe genug Beispiele für Bauprojekte in Zürich, bei denen am Ende alle froh waren, dass sie verhindert wurden, sagt er. Er verweist unter anderem auf «HB Südwest», dessen Realisierung die gerade in erster Etappe eröffnete Durchmesserlinie verunmöglicht habe. Thomas Marth Beim Kunsthaus wartet man ungeduldig auf den Entscheid des Baurekursgerichts zum Erweiterungsbau. Für den Augenschein, den das Gericht angeordnet hat, wäre man schon im Juni bereit gewesen, sagt Björn Quellenberg, Mediensprecher des Kunsthauses. Damit hätte allenfalls bereits vor den Sommerferien ein Urteil vorliegen können. Dass der Augenschein nun erst am 15. August stattfinde, liege an Verzögerungen durch die Rekurrentin Archicultura. Seitens des Kunsthauses zeigt man sich erfolgsgewiss. Archicultura hätte, wenn schon, bereits gegen den Gestaltungsplan klagen müssen, gibt sich Quellenberg überzeugt. Paul Stopper von Archicultura widerspricht. Man wehre sich nicht gegen den Gestaltungsplan, sondern dafür, dass er eingehalten werde. Denn der Plan verlange eine besonders gute städtebauliche Gesamtwirkung, nicht zuletzt in Bezug auf die schützenswerten benachbarten Gebäude. Diese Abwägung sei zu wenig erfolgt und die Baubewilligung damit zu Unrecht erteilt worden. Auf 206 Millionen Franken sind die Baukosten veranschlagt. 88 Millionen Franken sollen Private beisteuern. 75 Millionen habe man beisammen, sagt Quellenberg. Sollte das Projekt scheitern, wären die Spenden zurückzuzahlen. Das für den Erweiterungsbau vorgesehene Land gehört dem Kanton. Er tritt es gratis im Baurecht ab – wenn eine rechtsgültige Baubewilligung vorliegt. Die Baracken auf dem Gelände sind nach wie vor vermietet. Die Mietverträge wurden gemäss Baudirektion im März bis vorerst September verlängert.

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