Zum Hauptinhalt springen

Verspiegeltes Psychoduell Der Film kommt am Donnerstag in die Kinos.

Roman Polanski hat Leopold von Sacher-Masochs Skandalnovelle «Venus im Pelz» in eine subtil-humorvolle Filmkomödie verwandelt. In den Hauptrollen seines raffinierten Vexierspiels «La Vénus à la fourrure» glänzen Emmanuelle Seigner und Mathieu Amalric.

Sie kommt zu spät. Unanständig viel zu spät. Und sie ist aufgetakelt wie eine Nutte. Doch sie heisst, gleich wie die Figur, die sie auf der Bühne verkörpern sollte: Vanda. Und sie ist, im positivsten Sinn des Wortes, ein Teufelsweib: eloquent, verführerisch, dezidiert, raffiniert und unter zu dick aufgetragener Schminke sinnlich-schön. Vor allem weit weniger ein Dummchen, als der Regisseur Thomas Novach vorerst annimmt: Mit einer langen Fahrt, die von einer Allee geradewegs in das Innere eines kleinen Pariser Theaters führt, beginnt Roman Polanskis neuster Film. «La Vénus à la fourrure» heisst dieser wie das Bühnenstück für zwei Personen des Amerikaners David Ives «Venus in Fur», welches ihm zugrunde liegt. «Venus im Pelz» titelt zu Deutsch wiederum eine Novelle, die Leopold von Sacher-Masoch im Jahr 1870 niederschrieb und die den Ausschlag zu Stück und Film gab. Als äusserst frivol, ja gar skandalös galt/gilt diese, landete 1958 gar auf dem Index der verbotenen Bücher, ist inzwischen daraus aber wieder verschwunden. Und für all diejenigen, denen beim Namen von Sacher-Masoch leise die Ohren klingeln, hier noch dies: Leopold von Sacher-Masoch, geboren 1836 im österreichischen Lemberg, gestorben 1895 in Lindheim, Hessen, seines Zeichens ein Ritter, war zu Lebzeiten ein populärer Schriftsteller und bekannt für sein ungebremstes Bedürfnis, sein geradezu triebhaftes Schmerz- und Unterwerfungsverlangen in Kunst bzw. Literatur umzusetzen. Was unter anderem zur Folge hatte, dass der Psychiater Richard von Krafft-Ebing 1886 in seiner «Psychopathia sexualis» eine Gruppe bestimmter Verhaltensweisen unter dem Namen «Masochismus» zusammenfasste. Wogegen sich Herr von Sacher-Masoch und seine Anhänger wacker, aber – wie uns die Geschichte lehrt – erfolglos wehrten. Sklave und Herrin Die Novelle «Venus im Pelz», Teil eines grösseren Zyklus unter dem Titel «Das Vermächtnis Kains», handelt von Erotik, Sexualität, Macht, Attraktion und Abneigung. Prot­ago­nist ist ein gewisser Severin von Kusiemski, der als junger Mann während eines Badeurlaubs die Bekanntschaft der jungen und reichen Witwe Wanda von Dunajew macht und ihr – durch ihre Schönheit unmittelbar an die von ihm seit Kindheit verehrte griechische Venus erinnert – auf der Stelle verfällt. Er macht ihr einen Hochzeitsantrag. Sie schlägt diesen aus und schlägt stattdessen eine einjährige Probezeit vor, die er unter der Bedingung antritt, dass er ihr Sklave und sie seine Herrin ist. Es ist ein fataler Deal und er wird von Polanski lustvoll ausgeschlachtet: «La Vénus à la fourrure», wie schon «Carnage», Polanskis letzter Film, ist ein Psycho- und Kammerspiel zugleich: die Begegnung zweier Personen in einem Raum, ebendiesem Theater irgendwo in Paris, auf dessen Bühne noch die Kulissen des Musicals «Stagecoach» stehen. Thomas – gespielt von Mathieu Amalric, der zur Abwechslung wie Polanskis jüngeres Alter Ego aussieht – ist ein junger Schriftsteller und angehender Regisseur, der mit seiner Version der «Venus» den Durchbruch zu schaffen hofft. Thomas hat einen langen, frustrierenden Tag voller Vorsprechproben hinter sich, keine nur annähernd akzeptable Besetzung für Vanda gefunden, ist mit seiner Verlobten zum Dinner verabredet und bereits auf dem Sprung, als Vanda – gespielt von Polanskis Ehefrau Emmanuelle Seigner – ins Theater stürmt. Am liebsten auf der Stelle wieder nach Hause möchte er sie schicken, dies umso mehr, als sie entgegen ihren Beteuerungen fürs Vorsprechen gar nicht angemeldet war. Doch Vanda schmeichelt, insistiert, kann nicht nur das Stück von Anfang bis Ende auswendig, sondern hat in ihrer riesigen Tasche weitere Kostüme, dar­un­ter ein echt altes Jackett für Severin, dabei. Und kaum dass Thomas merkt, wie ihm geschieht, steckt er alsbald selber in der Rolle Severins, derweil Vanda Vanda spielt. Geschmeidige Rollenwechsel Es ist ein hübsches Vexierspiel voller Spiegelungen, Verdoppelungen und Brechungen, das Polanski fortan treibt. Und hat schon Ives’ Bühnenbearbeitung durchs Stück im Stück eine zusätzliche Ebene gewonnen, so treibt Polanski durch die Verfilmung das Spiel nun lustvoll noch eine Runde weiter, wobei seine sensationell spielenden Schauspieler geschmeidig von einer Rolle in die andere wechseln und sich die Machtkämpfe zwischen Vanda und Severin unvermittelt mit den Auseinandersetzungen zwischen der Schauspielerin Vanda und dem Regisseur Thomas zu vermischen beginnen. Es ist dies anzuschauen eine grosse Gaudi, versteht es Polanski doch seit jeher wie kein Zweiter, das unerhört Komische mit existenziellem Grauen und abgrundtiefer Ironie zu verbinden. So ist denn auch «La Vénus à la fourrure» nicht nur eine virtuos die dunklen Untiefen gegenseitiger Attraktion auslotende Geschlechter(kampf)-Komödie, sondern auch eine packende und faszinierende Abhandlung über den dynamischen Prozess künstlerischen Schaffens.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch