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Viel Chültür und etwas Comedy

Ist es schon ein Konzert oder noch ein Kabarettabend? Müslüm hat im Salzhaus die Kunstfigur an ihre Grenzen gebracht. Einige Löcher im Programm wurden mehr schlecht als recht gestopft.

Ein wenig Balkan-Slang oder Jugendsprache mit ausländischem Akzent hat heute jeder zweitklassige Komiker im Repertoire. Beim Berner Komiker Semih Yavsaner bestreitet der Klischeeimmigrant gleich das ganze Programm. Mit kleinen Finessen: Müslüm spricht eine wilde Mischung aus Schweizer- und Hochdeutsch mit türkischem Akzent. Und ganz ehrlich, das tönt im Gegensatz zur «Hey-Mann»-Coolness schon fast wieder charmant. Und auch wenn Müslüm mit den buschigen Augenbrauen und dem wilden Dreitagebart ganz bewusst das Bild des «chriminellen Ausländers» karikiert, ist er eigentlich ein ganz sympathischer Kerl. Aber auch wenn wie am Samstag im Salzhaus den ganzen Abend lang eine Figur wie aus dem Kabarettprogramm auf der Bühne steht, darf man durchaus ernsthafte Musik erwarten. Das zeigt schon die siebenköpfige Band, die mit einem Instrumentalstück den Abend einleiten darf. Dann stolziert Müslüm auf die Bühne – weil es zu viele Lacher und zu wenig Applaus gibt, gleich noch ein zweites Mal. Bei der melancho­lischen Einleitung zu «Orang Utan» beweist Müslüm, dass er der Band in nichts nachsteht, durchaus respektabel singen kann und schlicht und einfach ein guter Entertainer ist. Da braucht es gar nicht so viele Gags, um das Publikum zu unterhalten. Erfolg mit Youtube-Video Das war ursprünglich anders geplant: Als Radiomoderator nutzte Semih Yavsaner die Rolle als Müslüm für Telefonscherze. 2010 sang er dann das erste Mal Immigranten-Pop: ein Frontalangriff gegen den Berner SVP-Politiker Erich Hess, der das umstrittene Kulturzentrum Reithalle per Volksabstimmung schliessen lassen wollte. Der Song und das dazugehörige Youtube-Video über Bern und über den politischen Kontext waren so erfolgreich, dass im gleichen Jahr eine Single und 2012 ein Album die Hitparade stürmten. Seither hat sich die Figur weiterentwickelt. Ein provokanter Scherz im pink Anzug ist Müslüm nur noch dem äusseren Anschein nach. Schon der erste Song des Abends verpackt ein ernstes Thema in eingängige Melodien. «Orang Utan» erzählt nämlich keine Tiergeschichte, sondern handelt davon, wie man sich als Ausländer in der Schweiz manchmal fühlt. «Wenn ich mein Bart mal nicht rasiere, meinen sie grad, ich explodiere. Wenn ich mein Rücken mal verbiege, meinen sie, ich will IV beziehe» – mit witzigen Textzeilen besingt er ein beklemmendes Gefühl und macht es für alle verständlich und zugänglich. Das ist das Verdienst von Müslüm und seinem «Chültürprogramm», für das er im Sommer den Förderpreis Integration der Stadt Bern erhalten hat. Semih Yavsaner, der als Sohn türkischer Eltern in der Schweiz geboren wurde, mischt ernsthafte Themen mit guter Unterhaltung. So kann man im Salzhaus feiern und trotzdem dar­über nachdenken, war­um viele lieber ihr iPhone streicheln als ihre Liebsten. Weder komisch noch ernst In der Zugabe «Samichlaus» singen die Zuschauer im nur halb gefüllten Salzhaus ganz ohne Aufforderung den Re- frain von Anfang bis Ende mit. Während man sich über Wendungen wie «Wir sind alle anders, aber glaub mir, wir sitzen im gleichen Schlitten» freut, lassen einen Songs wie «Singel» oder «Dümelidräiä» etwas ratlos und zeigen die Grenzen der Kunstfigur auf. Weil Müslüm kein Kabarettprogramm mit geschriebenen Gags sein soll, werden die Löcher zwischen den tiefer gehenden Stücken mit ziemlich konventionellen Popsongs gestopft. Doch die Liebeslieder sind weder richtig komisch noch richtig ernst, noch so eindringlich, dass das Publikum gebannt zuhört. Trotzdem sind die Winterthürer am Schluss des Abends gut und intelligent unterhalten. Zu befürchten ist nur, dass Müslüm als Rolle damit sein Pulver verschossen hat und in die Mottenkiste zu Harry Hasler und Co. verschwindet.

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