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Viele Verbrechen, aber keine Verbrecher

Wenn Kriminelle global agieren, braucht es eine internationale Polizei, um ihnen das Handwerk zu legen. Der schwedische Krimiautor Arne Dahl zeigt, wie das gehen könnte.

Es ist eine düstere Welt, die Arne Dahl in seinem neuen Krimi «Gier» zeichnet. Korruption regiert die Welt, mafiöse Strukturen sind allgegenwärtig. Mit seiner Serie über eine Sondereinheit der Stockholmer Polizei ist der schwedische Bestsellerautor international bekannt geworden. Nun hat er das Konzept einer Truppe aus Spezialisten, die im Geheimen ermitteln, auf ganz Europa ausgeweitet. Aus durchaus realistischem Anlass: Nicht nur Wirtschaft und Kapital haben sich globalisiert, auch das Verbrechen hält sich längst nicht mehr an Ländergrenzen. Wenn sie mithalten will, muss sich auch die Polizei international organisieren. Die Zentrale der neuen operativen Einheit der Europol, des «europäischen FBI», sitzt bei Dahl in Den Haag, ihre Einsatzorte sind London, Stockholm, New York, Riga und Italien. Die Ermittler bewegen sich jedoch vor allem im virtuellen Raum, denn die Damen und Herren – aus jedem beteiligten Land ein bis zwei Personen – ermitteln und kommunizieren vorwiegend auf elektronischem Weg, im Internet, über Mobiltelefone und an Videokonferenzen. Als Leser macht man ein wenig Sightseeing in europäischen Hauptstädten und hat den Eindruck, überall gleichzeitig dabei zu sein. Obama als Rettungsanker Realer Schauplatz ist zunächst London, wo ein G-20-Gipfel Massnahmen zur Regulierung der Finanzmärkte beschliessen soll. Über Twitter wird die Meldung verbreitet, der amerikanische Präsident Barack Obama werde seine Limousine verlassen, um mit der Bevölkerung zu sprechen. Für einen verzweifelt wirkenden Chinesen scheint Obama der letzte Rettungsanker zu sein. Doch der Präsident fährt vorbei, und bevor der Mann seine rätselhafte Botschaft einem Beobachter von Europol verständlich machen kann, wird er von einem Polizeiauto überfahren. Gleichzeitig wird eine 35-jährige Frau brutal gefoltert und hingerichtet, und ein pädophiler schwedischer Möbelhersteller macht mit der ’Ndrangheta, der kala- brischen Mafia, Geschäfte. Wie diese Fälle zusammenhängen, wird erst am Ende einigermassen klar. Dahl ist ein talentierter Spieler, der die zahlreichen Handlungsstränge geschickt weiterentwickeln und das Ganze in der Schwebe halten kann. Seine Figuren ordnet er dieser Strategie unter; es sind keine prä­gnan­ten Charaktere wie beispielsweise Mankells Wallander; dass sie auch ein Privat- leben haben, wird nur angedeutet. Brennende Themen Dafür inszeniert Dahl eine Reihe von Themen, die uns auf den Nägeln brennen. Nicht nur die Finanzkrise mit ihren mutmasslichen Profiteuren zählt dazu. Hoch qualifizierte Migranten verrichten einfache Arbeiten, marode Banken werden staatlich gestützt, die Mafia droht, bankrotte Staaten aufzukaufen, und mit skrupelloser Umweltverschmutzung lässt sich viel Geld verdienen, beispielsweise in China oder an der Küste von Lettland. Als Drahtzieher funktionieren die Chefs einer mysteriösen Organisation, die sich chamäleonartig verwandeln kann und bei der man unweigerlich an Institute wie die amerikanische Bank Goldman Sachs denkt. Ihr einziges Ziel ist die Gewinnmaximierung; ihr Gebaren erinnert an das von Sekten, die so hermetisch agieren, dass ihre Entscheidungsträger nie zur Rechenschaft gezogen werden. Es gibt, wie es im Roman einmal heisst, «jede Menge Verbrechen, aber keine Verbrecher». Arne Dahl – oder Jan Lennart Arnald, wie der 1963 geborene Autor und Literaturkritiker eigentlich heisst – ist ein eifriger Zeitungsleser; das Material für seine Bücher recherchiert er ausgiebig, bevor er zu schreiben beginnt. Strickmuster Die neue, auf vier Teile angelegte Krimiserie hat Dahl auch deshalb in Angriff genommen, um nach den zehn vorangegangenen Büchern der Routine und ihren Abnützungserscheinungen vorzubeugen, wie er kürzlich an einer Lesung in Winterthur verriet. Allerdings bekommt man beim Lesen von «Gier» den Eindruck, dass hier einer zwar gekonnt, aber eben auch routiniert immer wieder denselben Mustern folgt. Oft treten die Figuren im Verbund in Erscheinung und tauschen Informationen aus, die der Leser nachzuvollziehen hat. Das ist nicht wenig, denn das gesamte, komplexe Geschehen spielt sich an rund zehn Tagen ab. Die eindringlichsten Episoden sind jene, in denen einzelne Ermittler auf eigene Faust recherchieren. Und sich etwa im New Yorker Stadtteil mit dem symbolträchtigen Namen «Alphabet City» in einem Netz aus Fragen und vermeintlichen Antworten verlieren.

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