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Vielfalt säen und Zukunft ernten

500 Kartoffelarten und 8000 Apfelsorten: Die erste internationale Saatgut-Tauschbörse der Schweiz hat Pflanzen aus der Vergessenheit geholt.

Weisse Tomaten, violette Kartoffeln, Schwarzer Mais oder Gelbe Bete – an der ersten Internationalen Saatgut-Tauschbörse in der Schweiz kommt der Laie aus dem Staunen nicht mehr heraus. So exotisch scheint das teilweise uralte Saatgut, das nach und nach in Vergessenheit gerät. Um diese Entwicklung aufzuhalten, haben die schweizerische Stiftung Pro Specie Rara, der Förderverein Longo Maï und das Naturzentrum Thurauen gestern die Saatgut-Tauschbörse organisiert. So reisten gestern Kleinbauern und Hobbygärtner aus der ganzen Schweiz ins Naturzentrum in Flaach, wo sie ihr Saatgut mit Gästen aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Griechenland, Rumänien und Slowenien tauschten oder es gar verschenkten. Nur verkauft wurde an der Börse nichts. «Das ist mein Weg, etwas zur Vielfalt beizutragen», erklärt Stefan Griesser, der an seinem Stand 500 verschiedene Kartoffelkreuzungen zur Weiterverwendung anbietet. «In der Schweiz stammen rund 90 Prozent aller Kartoffeln von vier Sorten. Wären es etwa 500 Sorten und nicht so viele Grosskulturen, hätten wir viel weniger Probleme mit Krankheiten wie beispielsweise der Kartoffelfäule», sagt Griesser. Die Privatisierung von Saatgut Die Krankheiten sind nur ein Bruchteil der vielen Nachteile, die eine fehlende genetische Vielfalt mit sich bringt. «Durch die mangelnde Vielfalt nimmt die Biodiversität ab. Das ist langfristig gesehen ein riesiger Verlust für die Menschheit», sagt Peter Gerber von Longo Maï. Gerber besitzt selbst einen Biobauernhof in Südfrankreich und kämpft gegen die zunehmende Privatisierung von Saatgut in den EU-Ländern. Immer mehr dominieren grosse Konzerne den Saatguthandel auf der Welt. «Und wer das Saatgut beherrscht, beherrscht den Dünger und die Krankheiten», betont Gerber. So sei es nicht verwunderlich, dass die meisten dieser grossen Konzerne auch in den Chemie- und Pestizidsektoren tätig sind. Im Gegensatz zu den alten Sorten sind die hybriden Züchtungen, die heutzutage in den Supermärkten landen, nicht samenfest. Das heisst, dass die Bauern die Sorten nicht nachzüchten können und das patentierte Saatgut den Konzernen abkaufen müssen. «Im 20. Jahrhundert gab es in Frankreich mehr als 8000 Apfelsorten – heute sind es nur noch rund 2000 Sorten», sagt Gerber. In Frankreich dürfen nur Sorten angebaut und verkauft werden, die im nationalen Sortenkatalog registriert sind. Damit verbunden ist ein hoher Kostenaufwand für die Bauern, weshalb der Tausch und Anbau nichtregis- trierter Sorten laut Gerber zum Teil illegal durchgeführt wird. Die Schweiz ist mit der 2010 in Kraft gesetzten Saat- und Pflanzgutverordnung in einer privilegierten Lage, da somit der private Gebrauch und der Anbau von sogenannten Nischensorten erlaubt ist. «Doch auch die Schweiz wird die Konsequenzen zu spüren bekommen, wenn sich die Regelungen im Ausland weiter verschärfen», sagt Gerber. Damit auch die zukünftigen Generationen von der genetischen Vielfalt profitieren können, brauche es ein gesellschaftliches Umdenken. «Es geht mir nicht darum, einen Sündenbock zu finden – schliesslich profitieren wir alle von dieser Gesellschaft. Doch langfristig müssen wir mehr Aspekte berücksichtigen als bloss die Rentabilität», so der Biobauer. «Es ist nämlich rentabel, den Planeten zu zerstören, denn sonst würde es niemand tun.» Rentabilität oder Lebensfreude Doch dieses gesellschaftliche Umdenken sei nicht nur Aufgabe der Bauern, auch die Konsumenten müssten bereit sein, ihren Teil beizutragen. «Früher haben die Menschen viel mehr Geld für Nahrungsmittel ausgegeben, heute fliesst das Geld ins Auto oder in die Wohnung. Aber gerade gesunde Nahrung müsste eigentlich viel teurer sein», so Gerber. Zu spüren bekommen dies Kleinbauern in Drittweltländern, die nicht mit den subventionierten Importen mithalten können. «Ich denke nicht, dass die Menschen so weiterleben wollen», meint Gerber mit Blick auf die Besucher der Saatgut-Tauschbörse, die angeregt über Kompostieranlagen diskutieren, Geheimtipps austauschen und vorsichtig die wertvollen Samen in ihre Papiertüte rieseln lassen. «Was in die Rentabilität eines Produkts nie mit einbezogen wird, ist die Lebensfreude, die damit verbunden sein kann», meint Gerber mit einem Lächeln. So sind trotz eisigem Wind nur glückliche Gesichter zu sehen. Und wer gerade nichts zu tauschen hat, bringt einen heissen Kaffee vorbei. Schliesslich lautet das Motto: «Vielfalt für alle».

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