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Vom Aussenseiter zum Titelanwärter

MELBOURNE. Kimi Räikkönen bleibt die Wundertüte der Formel 1. Der 33-jährige Lotus-Fahrer lässt beim Saisonauftakt die meist- genannten Favoriten Fernando Alonso und Sebastian Vettel mit einer mutigen Strategie und einer fehlerfreien Fahrt hinter sich.

Von der Politik und den Intrigen bei McLaren und Ferrari zermürbt, hat sich Kimi Räikkönen während zweier Jahre anderweitig vergnügt. Die Lust an der Formel 1 ist dem von Peter Sauber entdeckten und in der Schweiz wohnhaft gebliebenen Finnen aber nie vergangen. Nach dem vielversprechenden Comebackjahr mit dem Sieg in Abu Dhabi als erstem Höhepunkt hat sich der 32-Jährige beim Saisonauftakt 2013 in Australien nun in alter Frische als Titelanwärter zurückgemeldet. Sein 20. GP-Sieg aus der siebten Startposition heraus war das Produkt einer fehlerlosen Fahrt, eines perfekten Umgangs mit den schwierig zu beurteilenden Pirelli-Reifen und einer mutigen Zwei-Stopp-Strategie und keineswegs im zuverlässigen, aber bestimmt nicht überragenden Lotus-Renault begründet.

Um seinen Erfolg richtig auszukosten und die eigentlichen Favoriten noch mehr zu deprimieren, knallte der Weltmeister des Jahres 2007 zum Beweis seiner Überlegenheit kurz vor Schluss auch noch die schnellste Rennrunde auf den schmierigen Asphalt im Albert Park, als seine Reifen schon weit mehr Runden auf dem Buckel hatten als die der Konkurrenz. So sahen sich Fernando Alonso im Ferrari zu guter Letzt um zwölf und Sebastian Vettel im Red Bull sogar um 22 Sekunden distanziert.

Beide trugen die Niederlage aber mit Fassung und zollten Räikkönen höchstes Lob. «Wir haben eine Zwei-Stopp-Strategie gar nie in Erwägung gezogen», gestand der Titelverteidiger. «Ich habe schnell einmal realisiert, dass wir ihn nicht mehr packen können. Ich kam gar nicht mehr dazu, ihn anzugreifen», wunderte sich der Spanier. Trotzdem sprachen beide von einem guten Saisonstart und zeigten sich beide hoch erfreut, vom Podest grüssen zu können.

«Einer der leichtesten Siege»

Die Statistik gibt dem Sieger des Grossen Preises von Australien eine mehr als 60-prozentige Chance, den WM-Titel zu holen. Das war auch bei Räikkönens Triumph vor fünf Jahren der Fall gewesen. Vom Kaffeesatzlesen hält der lebenslustige Finne, der auch privat einen Neuanfang gewagt hat, aber ebenso wenig wie vom Schwärmen von der Vergangenheit. «Wir haben diesmal vielleicht alles richtig gemacht. Doch wir stehen erst am Anfang einer langen Weltmeisterschaft und wissen nicht, wo genau wir stehen», wehrte er sich gegen voreilige Schlüsse. Möglichkeiten hat er sich aber durchaus ausgerechnet.

«Wie schon bei den Tests in Spanien hat sich unser Auto auch in Melbourne von Anfang an gut angefühlt. Nach dem ersten Longrun war mir deshalb klar, dass ein gutes Ergebnis möglich ist, wenn es mir gelingt, die Vorderreifen am Leben zu erhalten. Mein Ziel war denkbar einfach. Ich wollte diese Chance packen, wenn sich eine ergibt. Wir haben von Anfang an nur zwei Stopps geplant und die haben wir ideal hingekriegt. Wir hätten auch schneller fahren können. Das war einer der leichtesten Siege. Ich zählte nur noch die Runden herunter», freute sich Räikkönen. Wegen des Rennens in Malaysia am nächsten Sonntag macht sich der Finne keinerlei Sorgen: «Dort ist es ja normalerweise wärmer und das kommt uns eher entgehen.» Weniger locker sieht er die weitere Zukunft. «Wir haben die richtigen Leute und wir haben auch die richtigen Werkzeuge. Noch wissen wir aber nicht, ob wir auch die notwendigen Finanzen zusammenkriegen», meinte er vielsagend.

Räikkönens 177. WM-Lauf war vom Start weg eine Machtdemonstration. Schon beim Losfahren zwängte er seinen aus dem Benetton-Erbe entstandenen Lotus an dem weiter auf einen Podiumsplatz im Heimspiel wartenden Mark Webber und an Nico Rosberg vorbei. Dann überholte er auch den zweiten Mercedes von Lewis Hamilton. Als er seine superweichen Reifen in der neunten Runde gegen die härtere Mischung tauschte, war er schon Zweiter.

Da sich als Folge der unterschiedlich programmierten Reifenwechsel Vettel, Massa, Alonso, Hamilton, Rosberg, Sutil und wieder Massa als Leader ablösten, übernahm Räikkönen in der 23. Runde als achter Fahrer die Führung und die gab er nur noch einmal ab. Nach dem zweiten Reifenwechsel in Runde 34 kehrte er auf Position 5 ins Rennen zurück und sah dann der Reihe nach Massa, Vettel, Alonso und Sutil die Boxen ansteuern, worauf er völlig ungefährdet der Zielflagge entgegenfahren konnte.

Ferrari und Red Bull gleichauf

Wegen ihrer konventionelleren Taktik mit einem Reifenwechsel mehr konnten Ferrari und Red Bull die bessere Ausgangslage nicht nutzen. Im zweiten und dritten Teil des Qualifyings, das wegen des schlechten Wetters am Samstag als Novum erst am Renntag durchgeführt werden konnte, hatte Red Bull Racing noch klar dominiert und die erste Startreihe zum 19. Mal für sich beansprucht.

«Ein guter Tag trotz allem, der mit der 37. Poleposition sehr gut begonnen hat», bilanzierte Vettel. «Im Rennen war dann alles etwas mühsamer. Wir haben unsere Reifen nicht so wie erhofft zum Funktionieren gebracht.» In dieser Beziehung bekundete Ferrari weniger Schwierigkeiten. Die Italiener bewegten sich auf dem gleichen Niveau wie die Bullen.

Da könnte sich bald auch Mercedes einreihen, wenn auch die personellen Probleme rechtzeitig gelöst werden können: So wie sich der mit Elektrikschaden ausgerollte Nico Rosberg und Lewis Hamilton am Lenkrad bekriegen sich Niki Lauda und Toto Wolff hinter den Kulissen. Da liegt ebenso Zündstoff drin wie bei McLaren, Sauber, Williams und Toro Rosso. Im Gegensatz dazu hat Force India dank Adrian Sutil und Paul di Resta bereits zehn WM-Punkte im Trockenen.

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