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Vom «dicken Jungen» zum Nationalspieler

Admir Mehmedi hat sein bestes halbes Jahr hinter sich. Dem SC Freiburg war er danach eine Ablösesumme von sechs Millionen Euro wert. Jetzt bereitet er sich mit der Nati auf die WM vor – mit guten Chancen, eingesetzt zu werden.

Es würde überraschen, stünde Admir Mehmedi am Sonntag in Brasilien gegen Ecuador in Ottmar Hitzfelds Startelf. Aber dass immer noch ernsthaft diskutiert wird, wer denn der elfte Mann der Schweiz sei, Granit Xhaka oder eben doch Mehmedi – das allein ist schon deutlicher Nachweis für den Aufstieg Mehmedis in der vergangenen Saison. Vor einem Jahr, das sagt er selbst, als er bei Dynamo Kiew kaum mehr eine Chance erhielt und nach Freiburg transferiert wurde, war er weit von der Nati entfernt. Fürs Qualifikationsspiel gegen Zypern, 53 Wochen vor dem Match gegen Ecuador, nahm ihn Hitzfeld nicht mal ins Aufgebot.

Jetzt fordert er Xhaka heraus für die Rolle, den Mann hinter der Sturmspitze Josip Drmic zu geben. Mehmedi und Xhaka – ethnische Albaner beide, haben beide am 4. Juni 2011 in der Nationalmannschaft debütiert. An jenem Tag, als Hitzfeld nach dem Rücktritt der beiden Basler Kumpane Marco Streller und Alex Frei den Umbruch seines Teams mit entschlossenem Griff vorantrieb. Xhaka überzeugte gleich in seinen ersten 90 Minuten, Mehmedi wurde eine Viertelstunde vor Schluss eingesetzt. Ein paar Wochen später erreichten sie mit der U21 den EM-Final in Dänemark und damit die Olympiaqualifikation. Mehmedi schoss im Halbfinal gegen Tschechien das entscheidende Tor.

Nach dem Zwischentief in ­Kiew ist er nun zurück auf höherer Ebene – und dem SC Freiburg eine Ablösesumme von sechs Millionen Euro wert. So viel hat der Bundesligist aus dem Breisgau zuvor für keinen Spieler ausgelegt.

Und so zeichnet Mehmedi selbst seine Karriere anhand von Stichworten:

Mazedonien: «Es leben alle Verwandten dort, und ich komme aus Gostivar, das etwa dreiviertel Stunden von Skopje liegt. Aber Erinnerungen an meine Kindheit dort habe ich nicht, ich kam ja dann schon mit zwei Jahren in die Schweiz.»

Bellinzona: «Mein Vater ar­bei­te­te dort. Er hatte einen guten Job im Hotel Gamper, gleich beim Bahnhof. Er zog die Familie nach. Im Tessin lernte ich Italienisch, und noch heute habe ich Kontakt zu einem ehemaligen Nachbarn. Mit dem Fussballspielen habe ich bei der AC Bellinzona begonnen.»

Winterthur: «Mein Onkel hatte eine Pizzeria in Seuzach, und die wurde überfallen. Also bat er meinen Vater um Hilfe. Das tat der dann auch drei, vier Monate. Aber es wurde schwierig mit den Distanzen, und so wurde entschieden, dass die ganze Familie nachkommt. Ich hatte also eine neue Sprache zu lernen, neue Kollegen zu finden. Zuerst waren wir in Seuzach, dann in Oberwinterthur, wo ich im Guggenbühl in der 4. und 5. Klasse war, schliesslich in Embrach, wo mein Vater nun eine Pizzeria hatte. Nach dem ersten Jahr der Oberstufe ging ich nach Oerlikon in die United School of Sports und machte dort das KV. Noch heute habe ich meinen Wohnsitz in Oberi.»

FC Winterthur: «Für den FCW spielte ich, bis ich 15 war, also sechs Jahre; und meistens mit einem älteren Jahrgang. Ich schoss sehr viele Tore, obwohl ich Mittelfeldspieler war, Achter oder gar Sechser. In der U14 bildete ich mit Pajtim Kasami, heute bei Fulham, eine Doppelsechs ... Unter Boro Kuzmanovic, der Technischer Leiter war, machte ich damals Talenttrainings am Morgen, ich habe von ihm profitiert. Mein Problem zu jener Zeit: Ich war ein dickes Kind. In Bellinzona war ich dünn, dann hatte mein Vater eben eine Pizzeria ... Ich war als 15-Jähriger schon 70 bis 72 Kilo schwer, jetzt, acht Jahre später, sind es 76 Kilo. Und wenn ich heute beim Essen nicht aufpassen würde, nähme ich gleich wieder zu.»

FC Zürich I: «Auch hier war ich immer ein, zwei Jahre voraus. Mit 16 debütierte ich bei Urs Meier in der U21. Für mich persönlich war Meier super, weil er mich vor allem mental weiterbrachte, denn er verlangte von mir, immer ans Limit zu gehen. In Zürich allerdings sahen mich eigentlich alle als Stürmer, obwohl ich doch eigentlich Mittelfeldspieler war. Ich kann meine Qualitäten am besten ausspielen, wenn ich etwas von hinten komme. Meine Spielweise sieht dann vielleicht etwas pomadig aus, dafür bin ich nie überhastet – auch nicht vor dem Tor.»

FC Zürich II: «In der Super League debütierte ich unter Bernard Challandes in der Meistersaison 2008/09 als 17-Jähriger. Der wirkliche Durchbruch kam dann unter Urs Fischer 2010/11 – und dazu gibt es eine Geschichte. Nach fünf Runden gab es eine Meinungsverschiedenheit und harte Kritik von Fischer. Ich musste danach in der U21 spielen. Das ‹Eins› spielte in Bern und verlor gegen YB 0:1, ich aber schoss gleichzeitig mit der U21 zwei Tore. Das sah Fischer als gute Reaktion. Eine Woche später spielte ich gegen St. Gallen von Anfang an; wir gewannen 3:1, ich schoss ein Tor. Dann spielten wir in Thun, und ich schoss wieder ein Tor – von da an war ich Stammspieler. Und am Ende jener Saison debütierte ich im Wembley in der Nati, und wir spielten eine gute U21-EM mit dem Final gegen Spanien.»

Dynamo Kiew: «Es war ein guter Entscheid, jeder will schliesslich mal im Ausland spielen. Konkret war sonst, im Winter 2011/12, nichts, und Dynamo ist ein grosser Verein, finanziell wars auch gut. Anfangs ists auch gut gelaufen, mit einem Tor schon im zweiten Spiel. Dann kamen die Olympischen Spiele. Es wurde mir gesagt, das sei kein Problem. Aber als ich dann zurück war im Klub, bekam ich nie mehr eine richtige Chance, und es kam auch ein neuer Trainer, der bisherige Nationalcoach Oleg Blochin. Insgesamt war es doch eine gute Erfahrung, auch wenn der Alltag mühsam ist, wenn man immer auf fremde Hilfe angewiesen ist und auch einen Übersetzer dabei haben muss, wenn man auf der Bank etwas Privates erledigen will.»

SC Freiburg: «Sie kannten mich schon seit meiner Winterthurer Zeit! Und sie wollten mich eigentlich schon im Winter 2012/13 verpflichten. Als es dann ein halbes Jahr später klappte, hatte ich anfangs ich das Gefühl, sie erwarteten zu viel von mir. Ich spielte auch gleich von Anfang an, aber es war nicht einfach. Und dann gab es die Rote Karte wegen Linienrichterbeleidigung im dritten Match gegen Hoffenheim, es war der erste Platzverweis in meiner ganzen Karriere. Die Kritik von Trainer Streich dar­auf war hart. Aber er glaubte auch immer an mich. Er verlangt sehr viel von den Spielern. Er ist sehr geradlinig, aber wenn der Match mal angepfiffen ist, wirkt er wie in einem andern Film. Meine Vorrunde war nicht konstant, aber die Rückrunde war sicher mein bisher bestes halbes Jahr. Hier spürte ich das Vertrauen. Es war gut, in eine Mannschaft zu kommen, die auch bei Schwierigkeiten die Ruhe behielt. In Kiew dagegen fühlte man sich eher wie eine Ware. Und in Freiburg kommt mein Vater zu jedem Heimspiel.»

Die Nati: «Ich bin sicher näher dran als auch schon, meine Rolle heute ist anders als vor einem Jahr. Der Trainer weiss, dass er auf mich setzen kann, denn ich bin nun Stammspieler in einer grossen Liga – und wer hätte das vor einem Jahr gedacht.»

Die Zukunft: «In Freiburg machte ich einen Schritt in die richtige Richtung. Aber Ziel ist es schon, in näherer Zukunft bei einem Superklub zu spielen – also unter den Top 3 in England oder Deutschland.»

Die Kollegen: «In Freiburg hat sich zu Gelson Fernandes, der menschlich einfach top ist, in diesem einen Jahr eine Freundschaft entwickelt, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Mit Xherdan Shaqiri habe ich jede Woche Kontakt. Und bin ich daheim, also in Winterthur, ist Amir Abrashi mein bester Kollege.»

Und haben sie auf der «Schützenwiese» Hunger oder hat einer vom FC Winterthur einen Geburtstag zu feiern, dann lassen sie die Pizza aus dem Hause Mehmedi kommen, vom «Wintiblitz» des Onkels Hasim.

Hansjörg Schifferli

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