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Vom Dopingsünder zum Grand-Slam-Sieger

Marin Cilic zeigte in Halbfinal und Final zwei nahezu perfekte Leistungen und verdiente sich damit seinen ersten US-Open-Triumph. Trotzdem wirft der Sieg des Kroaten einige Fragen auf.

Seit Jahren fragen sich Tennisfans und Experten, wann die Ära der grossen vier, Roger Federer, Rafael Nadal, Novak Djokovic und Andy Murray, zu Ende geht. Und durch wen sie abgelöst werden. 2014 könnte das Ende der Dominanz tatsächlich eingeläutet worden sein. Mit Stanislas Wawrinka und Marin Cilic schrieben sich in diesem Jahr erstmals seit 2003 (Juan Carlos Ferrero, Federer und Andy Roddick) zwei neue Namen in die Siegerlisten der Grand-Slam-Turniere ein. Federer und Co. werden vorläufig die Favoriten auf die Pokale bleiben, doch die Zahl der Gegner, die ihnen gefährlich werden können, ist rapide angestiegen.

Die Tür geöffnet hat Wawrinka mit seinem Triumph am Australian Open. «Er hat mit seinem Sieg eine Bresche für die zweite Garde geschlagen», anerkannte der neue US-Open-Champion nach seinem Halbfinal-Erfolg über Federer. «Seither glauben mehr Spieler daran, dass sie es schaffen können.» Zu diesen gehörte Cilic zwar nicht unbedingt. Der Kroate, der in der Weltrangliste einen Sprung von Platz 16 auf 9 macht und damit seine Bestleistung aus dem Jahr 2010 egalisiert, sprach im Gegenteil von einem «Wunder». Tatsache ist aber, dass er spielte wie einer, der mit seiner Power jeden vom Platz «schiessen» kann. Ist also Marin Cilic der neue grosse Mann, den es in Zukunft zu schlagen gilt?

Ein paar Fragezeichen sind angebracht. War Wawrinkas Sieg in Melbourne eine Überraschung, ist derjenige von Cilic in New York eine Sensation. Ähnlich wie der Waadtländer wird auch der in zweieinhalb Wochen 26 Jahre alte Cilic mit den deutlich gestiegenen Erwartungen zu kämpfen haben. Die Zukunft wird zeigen, ob er konstant so abgebrüht und cool spielen kann wie in den vergangenen Tagen.

Cilics Sieg und Stil erinnert sehr an Juan Martin Del Potro, der mit 1,98 m genau gleich gross ist. Dem Argentinier war nach seinem US-Open-Sieg 2009 zugetraut worden, die Phalanx der grossen vier zu durchbrechen. Er scheiterte aber an seinem Körper und verpasst 2014 schon zum zweiten Mal fast eine ganze Saison wegen Problemen an den Handgelenken.

Kaum noch ein Thema ist die Dopingvergangenheit des Kroaten. Er war im Frühsommer des vergangenen Jahres in München mit der Substanz Nikethamid, einem Stimulantium, in einer Kontrolle hängen geblieben. Der Internationale Sportgerichtshof CAS reduzierte die ursprüngliche Sperre auf vier Monate, weil Cilic glaubhaft darlegen konnte, dass kontaminierte Glukosetabletten für den Befund verantwortlich waren.

Glücksfall Ivanisevic

Cilic rutschte wegen der Zwangspause von Platz 12 auf 47 des ATP-Rankings. Dennoch könnte die Sperre ein verkappter Glücksfall sein. Im September 2013, während er zuschauen musste, engagierte er Landsmann Goran Ivanisevic als Coach, der 2001 in Wimbledon als letzter Kroate ein Grand-Slam-Turnier gewonnen hatte. «Ich habe in letzter Zeit unheimlich hart trainiert. Und Goran hat mir wieder die Freude am Tennis gebracht.» Diese habe er etwas verloren, nachdem er 2010 erstmals den Durchbruch geschafft hatte. Federer sagte nach seinem Halbfinal, Cilic spiele «Tennis wie anno dazumal» –schnell und schnörkellos. Er hätte auch sagen können: wie Ivanisevic.

Die grosse Frage ist nun, wie Cilic mit dem neuen Ruhm zurechtkommen wird. In Kroatien jedenfalls ist er bereits zur Ikone aufgestiegen. Sogar die Fussball-Nationalmannschaft schickte vor dem Final ein Motivationsvideo. «Mein Leben wird sich verändern», ist sich der Sensationssieger sicher. «Die Frage ist nur wie.» Eine Frage, die sich nicht nur er stellt. si

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