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Vom Gedächtnis im Stich gelassen

Wer sich von einem Moment auf den anderen nicht mehr erinnern kann, was kurz zuvor passiert ist, befürchtet Schlimmes. Doch manchmal ist ein harmloses Phänomen für den Zustand verantwortlich: Die Transiente Globale Amnesie verschwindet so schnell wieder, wie sie gekommen ist.

Wieso hängen diese Kleider hier? Welche Zeit ist es? Und was ist heute überhaupt für ein Tag? Wenn man sich plötzlich nicht mehr an die einfachsten Dinge erinnern kann, ist das äusserst beängstigend. Dies passierte einer 60-jährigen Frau aus dem Kanton Thurgau vor einem guten Monat. Als sie am Sonntagmorgen erwachte, war ihr übel. Sie musste mehrmals erbrechen. «Dar­auf hat sie immer wieder dieselben Fragen gestellt», erzählt ihr Ehemann, der die Si­tua­tion miterlebte. Zwar war ihr der vergangene Abend, als sie bei Freunden eingeladen waren, noch bruchstückhaft präsent. Was es jedoch zu essen gegeben hatte, wie der Abschied verlaufen war, wie sie bei strömendem Regen nach Hause gefahren waren – alles weg. Die Dinge, die sich in den letzten rund zwölf Stunden ereignet hatten, waren und sind bis heute aus dem Gedächtnis verschwunden. Die Frau kannte sich jedoch in ihrer Wohnung aus, sprach vernünftig mit ihrem Mann und war auch über ihre berufliche und persönliche Si­tua­tion im Bild. «Ich dachte zuerst an eine Hirnblutung oder einen Hirnschlag», erzählt die Verwaltungsangestellte. Dass sie diese naheliegende Befürchtung äusserte, hat ihr der Ehemann nachträglich gesagt. Vorübergehender Zustand Als sich die Si­tua­tion nach etwas ausruhen nicht verbesserte, fuhren die beiden ins Spital Frauenfeld. Auch dass dort neurologische Tests und eine Aufnahme mit Computertomografie gemacht wurden, weiss die Frau nur vom Erzählen. «Du hattest Panik und warst verwirrt», erinnert sich ihr Partner. Weder die Jahreszeit habe sie gewusst, noch in welchem Spital sie waren. Doch bei der Untersuchung hatte sich kein schwerwiegender Befund ergeben. Die Diagnose lautete: Transiente Globale Amnesie. Ein vorübergehender Zustand, bei dem das Kurzzeitgedächtnis beeinträchtigt ist. Fast jede Woche melde sich eine betroffene Person mit diesem Krankheitsbild auf dem Notfall, beschied man dem besorgten Paar. Die Frau erhielt Beruhigungsmittel und schlief dar­auf noch einige Stunden. Gegen Abend hatte sich das Gedächtnis normalisiert. Nach drei Tagen Beobachtung im Spital konnte sie nach Hause gehen und eine Woche später wieder arbeiten. Das Ereignis erklärt sie sich heute mit dem Erbrechen. Wie es auch in der Fachliteratur beschrieben wird, kann das Würgen den Rückfluss des Blutes hemmen, worauf eine Funktionsstörung in gewissen Hirnregionen auftreten kann. Der Zeitpunkt des Ereignisses war für die Betroffene nicht ganz unerklärlich: «Ich war seit Langem extrem gestresst und bewegte mich nahe an einem Burn-out.» Die Arbeit in der Administration einer Klinik sei sehr belastend, es herrsche seit Langem Personalmangel und die Stimmung sei unangenehm. «Ich war häufig nervös und schlief schlecht.» Die Episode sieht sie als Alarmglocke. Sie denkt nun dar­über nach, ihre Stelle zu kündigen. Heute fühle sie sich zwar wieder gesund, sagt die Thurgauerin. Doch zurück bleibt eine Unsicherheit: Könnte sich ein solches Ereignis wiederholen? Was, wenn sie dann nicht zu Hause ist, sondern irgendwo unterwegs? Andrea Söldi

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