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Vom nahtlos endlosen Feuerwehrschlauch

Seit 177 Jahren werden in Feuerthalen Feuerwehrschläuche gewoben. Heute webt «Schlauchmarty» 30 Kilometer in zwei Jahren – die Distanz bis Winterthur.

Die senfgelben Gebäude der Schlauchweberei und Feuerwehrgeräte-Fabrik Marty & Co. AG liegen versteckt in einem Wäldchen nahe am Rhein. «Schlauchmarty» steht in grossen Lettern an der Fabrik, die hier 1923 neu gebaut wurde. Ein Fingerzeig-Piktogramm weist den Weg zum «Bureau». Im Korridor hängt ein Feuerwehrschlauch aus dem 16.?Jahrhundert an der Wand – aus vernietetem Leder. «Die Schläuche waren damals nur so lang, wie eine Kuh breit war», erzählt Geschäftsführer Christian Marty. Heutzutage hat ein einziges Löschfahrzeug gut 400 Meter Schlauch bei sich, der rund zehn Jahre lang seinen Dienst tun muss. «Die Schläuche müssen an der Feuerfront ‹verhebe›, Punkt.» Die Feuerwehren müssen also zehn Prozent pro Jahr ersetzen. Bei einem Meterpreis von um die 30 Franken «ist das ein rechter Kostenpunkt», sagt Marty. Säcke für Geldtransporte Eduard Hablützel gründete 1837 die Feuerthaler Fabrik, die damals an einem anderen Ort im Dorf stand. Als 1917 der Inhaber Carl Würgler starb, übernahm ­Arnold Marty die Schlauchweberei, wo er bereits gearbeitet hatte. Zurzeit ist die Übergabe des Unternehmens an die dritte ­Marty-Generation im Gang, von Christian zu Stefan Marty. Im Unternehmen arbeiten zurzeit fünf Personen. In der Schweiz gibt es nur noch eine oder zwei weitere Schlauchwebereien. Im 1923 errichteten Neubau hingen die zwölf Webmaschinen an einem einzigen Motor. Zwar produzierten sie alle zusammen weniger Schlauchmeter als ein Rundwebstuhl von heute. Doch die Maschinen von 1928, von denen eine heute noch in Betrieb ist, «können nicht kaputtgehen», sagt Marty – und das gusseiserne Ungetüm beweist es lautstark. Bis um das Jahr 2000 wob sie aus Flachsfasern Säcke für den Münztransport der Banken. Da der gewobene Leinenstoff nahtlos war, konnten die verplombten Münzsäcke nicht unbemerkt geöffnet, geleert und mit Füllmaterial vollgestopft wieder zugenäht werden. Schwierige Kriegsjahre Das Herzstück von Schlauchmarty – die Rundweberei – pocht im Anbau. Ihre Notwendigkeit musste in den 1940er-Jahren allerdings begründet werden. So gab es den kriegswichtigen Beton für den Bau nur, weil im Krieg auch Feuerwehrschläuche wichtig waren. Die Rundwebstühle, in der Schweiz damals die ersten dieser Art, kamen von einem Hersteller aus Norwegen – wegen des Krieges aber ohne Monteure. Also reisten der Vater und der Onkel von Christian Marty nach dem Krieg nach Norwegen, um zu erfahren, wie man die Maschinen korrekt zum Laufen bringt. Heute stehen in der Rundweberei ein Modell aus den 1990er-Jahren vom gleichen norwegischen Hersteller sowie zwei deutsche aus den 1960er-Jahren. «Die laufen einfach, die ‹Göppel›», sagt Marty. Das Norwegermodell wiegt rund zwei Tonnen und kostete etwa 100 000 Franken. Den deutschen Hersteller gibt es heute nicht mehr – dumm, wenn an der Maschine etwas kaputtgeht. «Entweder man macht es selber oder lässt es sein.» Roter Faden Markenzeichen Licht fällt auf die weissen Fäden, die durch Löcher in der Holz­decke nach oben laufen. Die Spulen, von denen sie abgewickelt werden, stehen eine Etage tiefer auf Gestellen. Sternförmig laufen etwa 500 Fäden aus Polyesterfasern zum Zentrum des Rundwebstuhls. Dort, im «Auge des Taifuns», liegt das Mundstück aus Stahl, das den Durchmesser des Schlauchs bestimmt. Am gleichen Ort kommt der querliegende Schussfaden hinzu. Vier Längs­fäden im Gewebe sind rot – das Markenzeichen, das sich wortwörtlich als roter Faden durch Martys Feuerwehrschläuche hindurchzieht. Der fertige Schlauch wächst in die untere Etage hinab. Wenn zum Beispiel nach 840 Metern die Rolle oder Kiste voll ist, gibt es einen Schnitt. Die Rundwebstühle schaffen zwischen 10 bis 30?Meter Schlauch pro Stunde. Im Jahr webt Marty rund 15 Kilometer. Nach dem Weben wird der Schlauch auf einem 20 Meter langen Tisch auf mögliche Fehler hin kontrolliert. Eine andere Firma zieht einen Schlauch aus Rohgummi ein, der durch Dampf und Druck mit dem Gewebe verschweisst wird. Die Chinesen rücken auf Zwei Drittel des Umsatzes macht Schlauchmarty nicht mit Schläuchen, sondern mit Brandschutzbekleidung. Diese produziert eine österreichische Firma in enger Zusammenarbeit mit Marty, der ihr Rückmeldungen von den Kunden gibt. Eine solche Bekleidung kostet pro Feuerwehrmann mehrere Tausend Franken, weil sie hohe Anforderungen erfüllen muss. «Sonst kann es ans Lebendige gehen», sagt Marty. Über 90 Prozent von Martys Kunden sind Feuerwehren, vor ­allem aus den Kantonen Schaffhausen, Thurgau, Zürich sowie Glarus, Graubünden und St. Gallen. Die Konkurrenz aus China sei klein, «noch». Auf der alle fünf Jahre stattfindenden Messe in Deutschland habe es jedes Jahr einen chinesischen Schlauchhersteller mehr. Jetzt sieht Christian Marty den Qualitätsunterschied noch von weitem. Aber so in zehn Jahren werde das wohl nicht mehr so sein. Der «Textschlauch» wird an dieser Stelle geschnitten – beim Feuerwehrschlauch müsste das nicht sein. Denn anders als beim Schlauch aus vernietetem Kuh­leder ist «ein endloser Schlauch prinzipiell webbar», sagt Marty. Sofern der Nachschub an Spulen nicht abreisst. Markus Brupbacher

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