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Vom Sprayer zum Kunsttheoretiker

Morgen startet auf dem Sulzer-Areal Stadtmitte das erste Urban Art Festival. Mit dabei ist der Winterthurer David ­Kümin alias Chromeo, Jahrgang 1982. In seiner Jugend begann er als Sprayer, heute unterrichtet er Kunst.

Einem Künstlerporträt geht gewöhnlich ein Atelierbesuch voraus. Bei einem Street-Art-Künstler wie Chromeo gestaltet sich der Zugang zum Werk ein wenig aufwendiger. Zwar liefert sein tagebuchartiger Blog einen guten Einblick in sein Schaffen. Doch wer seine Arbeiten im Original betrachten möchte, braucht Zeit und die Bereitschaft, zu reisen. «Murals» genannte Wandmalereien schuf er nicht nur in Winterthur, Frauenfeld, St.?Gallen und Wettingen, sondern auch in Italien, Spanien, Griechenland und Ostdeutschland.

Meistens legal

Mit seinen grossformatigen Wandbildern bespielt David Kümin, wie Chromeo bürgerlich heisst, den öffentlichen Raum – meistens legal und oft in Kollaboration mit anderen Künstlern. Als Bildträger kommen Mauern von Abbruchobjekten, Betonpfeiler von Autobahnbrücken und Wände von Unterführungen in Frage. Und immer mehr private Kunstliebhaber lassen ihre Fassaden von einem Street-Art-Künstler gestalten.Der Street Art oder eben Urban Art – die Begriffe werden meist synonym verwendet – haftet zwar noch ein subkultureller Touch an, doch ihr Publikum hat sie längst gefunden. Ein untrügliches Zeichen dafür sind die vielen Festivals, die in ganz Europa stattfinden. In Winterthur waren Werke von Kümin letztmals im Mai in der Gruppenausstellung «aus dem Off» in Töss zu sehen – genau wie jene von Sabina Gnädinger und Pascal Kohtz, die nun ebenfalls am Urban Art Festival vertreten sind.

Männerromantik

Das Pseudonym Chromeo stammt aus jugendlichen Tagen, als Kümin mit seiner Graffiti-Clique nachts entlang der Bahngleise zwischen Bern, Basel und Zug unterwegs war. Heute bezeichnet er die abenteuerlichen Streifzüge rückblickend als Männerromantik. Anstatt am Wochenende in Bars und Clubs rumzuhängen, habe man die frische Luft und den Zusammenhalt in der Gruppe genossen und sei dabei kreativ gewesen.Nach der Wirtschaftsmatur in Winterthur absolvierte Kümin den Vorkurs an der Hochschule für Gestaltung in Zürich und wechselte dann an die Kunsthochschule Luzern, wo er zuerst den Bachelor in Kunst & Vermittlung und anschliessend den Master in Fine Arts, Public Spheres und Major Art Teaching machte. Seine theoretische Abschlussarbeit trägt den Titel: «Graffiti & Street-Art zwischen adoleszenzbedingter Widersprüchlichkeit und eta­blier­ter künstlerischer Positionierung». Nebst der Unterscheidung von Graffiti und Street Art sowie deren Verortung im Kunstkontext zwischen «low» und «high» befasst sich der Autor in seiner Abhandlung mit dem Dilemma, wie man als Künstler ökonomisch überleben kann, ohne sich selbst zu verleugnen.

Ehrenkodex

Obschon die Szene schnelllebig ist, gibt es einen Ehrenkodex. Wer anerkannt sein will, sollte authentisch wirken und sich durch eine unverkennbare künstlerische Handschrift auszeichnen.Wer hingegen kommerzielle Auftragsarbeiten annimmt, wird mit Argwohn bedacht. David Kümin weiss das, denn er hat schon für internationale Unternehmen gearbeitet. Wichtig sei, dass man sich nicht verbiegen lasse und immer aufs Neue austariere, was drinliege und was nicht. Street Art vermittle ein urbanes Lebensgefühl, dar­um sei sie für Werbekampagnen attraktiv geworden. Von der Kunst zu leben, sei schwierig. Aus wirtschaftlichen Überlegungen hat sich Kümin deshalb zum Zeichenlehrer ausbilden lassen.

Street-Artisten kennen keine Lagerkosten

Dies hindert ihn jedoch nicht daran, seine Passion auszuleben. Im Gegensatz zu Atelier-Künstlern, die Kümin als Einzelkämpfer bezeichnet, arbeiten Street-Art-Künstler nicht selten im Team. Gemeinsam bezieht man – mit oder ohne Bewilligung – Industriebrachen, die dem Untergang geweiht sind. Die hier allgegenwärtige Patina der Vergänglichkeit überträgt sich auf die ortsgebundenen Werke: Oft bleiben von einer Intervention später nur einige Schnappschüsse übrig. Im Gegensatz zu Atelierkünstlern kennen Street-Artisten hingegen keine Lagerkosten. Ihre Sorgen sind anderer Natur. Zum einen ringen sie um künstlerische Anerkennung in Abgrenzung zum Vandalismus, zum anderen fehlt es an Wänden, die legal bearbeitet werden dürfen. So gesehen sei das Festival ein Geschenk an die Szene, meint Kümin. Selbstredend wird Chromeo auf dem Sulzer-Areal mit einem neuen «Mural» aufwarten. Zudem stand er den Organisatorinnen Anita Baettig und Merly Knoerle als Szenekenner und Street-Art-Theoretiker beratend zur Seite.

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